Sie ist die Seele Australiens. Schwarze Haut, auf die Wangen hat man ihr zwei rote Streifen gemalt. Mit dem Gesicht der jungen Aborigine wirbt die australische Fluggesellschaft Qantas auf einem Werbeplakat für das Großereignis dieses Spätsommers, die Olympiade in Sydney. Es sind noch gut drei Monate bis zu den Spielen, und von der Seele des Landes ist im Straßenbild von Sydney nichts zu sehen. Die meisten Aborigines leben in Redfern, einem Viertel, das in Urlaubsprospekten nicht vorkommen darf.

Obdachlose sitzen da auf Matratzen vor einem Haus, auf dem die Fahne der Ureinwohner weht - Schwarz, Rot und Gelb. In den Händen halten sie Bierflaschen, zu ihren Füßen liegen Scherben. Kinder spielen zwischen Schutthalden und Ruinen. Jugendliche betteln um Geld. Wer nicht auf die Bolzwiese will, geht in das Fitness-Center von Tony Mundine. Er war mal Boxweltmeister und ein Idol, nicht nur für die Aborigines. Diese Rolle hat er seinem Sohn Anthony vererbt, dem Rugbyprofi vom St. George-Illawarra Club.

"Gehirnwäsche" nennt es Mundine, wenn man schon als Kind nur zwei Bilder des eigenen Volkes zu sehen bekommt: den halb nackten, bemalten Ureinwohner, der für Touristen tanzt, Didgeridoo spielt oder Körbe flicht. Oder den saufenden, apathischen Ureinwohner, der Bierflaschen aus dem Pub schleppt und im Park den Rausch ausschläft.

Im Kindergarten sollen sie gesundes Essen bekommen und am besten nichts sehen und hören von ihrem eigenen Volk, das auf der Straße herumlungert. Um die kümmert sich die Tribal Warrior Association, die so etwas ist wie eine Bildungsstätte. Vier jungen Männern eine Ausbildung als Fährschiffer vermittelt zu haben ist die größte Erfolgsmeldung der vergangenen Monate. "Wir haben hier schon immer gefischt", sagt Daniel Ariel, der Wortführer. "Unsere Vorfahren sind doch nicht jeden Tag den Kängurus hinterhergelaufen. Deshalb haben wir das Wasser in unser Ausbildungsprogramm genommen." Ariel leitet den Verband der Stammeskrieger in einem unauffälligen Reihenhaus. Am Eingang hängt ein Bild von Martin Luther King. Ein Kind schläft im Gerümpel. Der Hausälteste hockt regungslos auf einem Sessel, wie ein entrückter Besucher. Olympia? Das ist sehr weit weg, mehrere Kilometer, in einer anderen Welt.

Am 15. September wird im Australia Stadium das Olympische Feuer entfacht. Dann will das Land der Mittelpunkt der Welt sein. Australien will beweisen, dass es neben schnellen Schwimmern auch eine moderne, multikulturelle Gesellschaft mit weltgewandten Menschen hat. Mitten in den Vorbereitungen hat die Auseinandersetzung um die Geschichte der Aborigines ihren dramatischen Höhepunkt erreicht. Dazu zählt die Frage, ob das weiße Australien den Ureinwohnern heute noch etwas schuldig ist. Nicht nur um Geld geht es für Stadtteile wie Redfern, wo die Kinder zwischen Bauruinen spielen. Vor allem geht es um die Frage: Muss sich das weiße Australien schämen und Schuld eingestehen für das, was man dem Naturvolk angetan hat? Bis in die siebziger Jahre haben die australischen Behörden den Aborigine-Frauen ihre Mischlingskinder weggenommen, um sie in Heimen oder Adoptivfamilien zu assimilieren. Man nennt sie heute die "gestohlenen Generationen", und inzwischen sind die "gestohlenen Kinder" und "beraubten Mütter" in aller Munde. "Die Welt wird über Australien urteilen", sagt Mundine, der Rugbyspieler. "Die Olympischen Spiele sind eine Gelegenheit dafür."

Anfang April hat die australische Regierung offiziell Stellung genommen zum Thema der stolen generations. Sie antwortete damit auf einen 1997 vorgelegten Bericht der staatlichen Kommission, die noch von der linken Labour-Regierung eingesetzt worden war. Nie habe es eine "Generation" gestohlener Kinder gegeben, heißt es nun im Gegensatz zum Schlussbericht der Kommission für Menschenrechte und Gleichberechtigung von damals. Die hatte im Auftrag des Justizministeriums zwei Jahre lang die Folgen der Zwangsassimilierung untersucht. Demnach wurde zwischen 1910 und 1970 jedes zehnte Aborigine-Kind seiner Familie weggenommen. In manchen Jahrgängen war es jedes dritte. 535 Betroffene schilderten in dem Buch der Kommission Bringing Them Home ihr zerrissenes Leben . Die Kommission führt den traurigen Zustand, in dem sich das Volk der Ureinwohner heute befindet, ihre Entwurzelung, ihren Alkoholismus, ihren Selbsthass auf diese Maßnahme der weißen Herrscher zurück und erhebt in diesem Zusammenhang der Vorwurf des Genozids.

Von einer "Generation gestohlener Kindern" könne keine Rede sein, behauptet dagegen die Regierung von heute: Nicht mindestens zehn, sondern höchstens zehn Prozent der Kinder seien aus ihren Familien entfernt worden. Die Behandlung der Kinder sei gesetzmäßig und gut gemeint gewesen, es sei "nicht möglich, mit modernen Maßstäben Entscheidungen zu beurteilen, die in der Vergangenheit getroffen wurden". Worte, die Charles Perkins wild machen, einen 63-jährigen Aborigine, den die staatliche Kommission für Aborigines (ATSIC), die wichtigste Organisation der Ureinwohner, zum Beauftragten für Sport und die Stadt Sydney ernannt hat. Die ATSIC verteilt einen Teil der öffentlichen Zuwendungen an die Ureinwohner und soll die Regierung in ihrer Aborigine-Politik beraten. Doch die liberal-nationale Koalition hat sich lieber andere Berater gesucht und der ATSIC das Budget gekürzt.