Gabi Bauer, 37, moderiert die ARD-"Tagesthemen". Sie erhielt unter anderem den Telestar und den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis

Die Reportage hatte ich versemmelt, und vor der Aufnahmekommission saß ich völlig verschüchtert da und dachte die ganze Zeit: "Du kannst nichts, und das hier wird nichts ..." Ist dann auch nichts geworden. Ich war unter den hundert, die es geschafft hatten, immerhin zur letzten Auswahlrunde der Henri-Nannen-Schule eingeladen zu werden. Aber dort war ich überfordert, ich hatte vielleicht Talent, aber keinerlei journalistische Erfahrung. Wir wurden mit einem Bus irgendwohin gekarrt, ausgesetzt und nach zwei Stunden Recherche in einen Ballsaal verfrachtet, in dem wir unter Zeitdruck eine Reportage schreiben sollten. 99 Schreibmaschinen klapperten - mir fiel erst mal gar nichts mehr ein. Hinterher musste ich eine Runde heulen. Ich habe mich dann über Praktika vorgearbeitet. Bei radio ffn in Hannover bin ich schließlich gelandet, erst als Freie, später als Redakteurin. Ich habe häufig gewechselt und mich immer weiter beworben. Einiges hat sich auch durch Zufall ergeben. Also: Es geht auch ohne Journalistenschule. Wenn's nicht klappt: bloß nicht verrückt machen. Vielleicht bleibt man sogar eher mit beiden Beinen auf dem Boden. Lernt, sich weiter zu entwickeln, zu baggern, hartnäckig zu bleiben. Es ist halt der steinigere Pfad - das hat auch viele Vorteile. Trotzdem würde ich mich heute sofort wieder bewerben. Als Journalistenschüler kriegt man gute Kontakte, kommt leichter an Praktika und wird auch gleich ernster genommen. Die Ausbildung ist sehr intensiv, die Trainer sind hervorragend, und es öffnen sich einem danach viele Türen. Vielleicht wäre ich heute nicht Fernsehjournalistin, sondern bei der schreibenden Zunft, wenn ich es damals geschafft hätte.

Mich hat es gefreut, dass ich den Aufnahmetest an der Deutschen Journalistenschule bestanden hatte. Ich habe sie dann aber nicht besucht. Ich hatte in der Zwischenzeit einen ehemaligen Schulkameraden aufgespürt, der in die rechte Szene abgedriftet war. Meine Hoffnung war: Wenn ich es schaffe, die Geschichte dieses jungen rechten Terroristen zu erzählen, errege ich vielleicht mehr Aufmerksamkeit, als wenn ich einer von vielen Journalistenschülern bin. Ein Jahr habe ich diesen Jungen heimlich getroffen. Ein Ressortleiter der Hannoverschen Neuen Presse, bei dem ich als Schüler meine ersten Artikel veröffentlicht hatte, empfahl meinen Text dann Josef Joffe, damals Leiter des ZEIT -Dossiers. Es war die Phase nach den Hitler-Tagebüchern, Joffe fragte sofort: "Woher weiß ich, dass die Geschichte ordentlich recherchiert ist?" Ich studierte zu dieser Zeit in München und bin gleich in den Nachtzug nach Hamburg gesprungen. Am nächsten Morgen stand ich vor Joffe und konnte ihn überzeugen. Aus meiner Geschichte wurde erst ein ZEIT -Dossier, später ein Buch. Amelie Fried lud mich als Talk-Gast in Live aus dem Alabama im Bayerischen Fernsehen ein, zu einer Diskussion über die rechte Jugendszene - und musste es schwer bereuen: Nach der Sendung wurde ich gefragt, ob ich das nächste Mal nicht als Gast, sondern als Moderator kommen möchte. All das wäre nicht passiert, wenn ich auf die Münchner Journalistenschule gegangen wäre. Trotzdem ist die Ausbildung dort sehr gut. Die Absolventen fallen mir immer gleich auf, das sind interessante und fähige Leute. Es bringt aber nichts, nur auf der Journalistenschule gewesen zu sein. Letztlich zählen Arbeitsproben, Empfehlungen von Kollegen und der persönliche Eindruck. Ich hatte vor ein paar Wochen einen 23-Jährigen im Büro sitzen, der sagte auf meine Frage, auf welche seiner Geschichten er besonders stolz sei: Auf eine stern- Reportage über einen Landstreicher auf Usedom. Er war unglaublich beseelt von seiner Arbeit. Ich habe ihn sofort eingestellt. Ich schätze die Bereitschaft, es sich schwer zu machen und sich ganz in eine Sache zu verbeißen. Dafür braucht man ein Ziel, einen Traum: Wir wollten damals alle zum stern oder zum Spiegel, heute traut sich kaum noch einer, das laut zu sagen. Ich habe an der Münchner Schule unterrichtet, und als ich die Schüler nach ihrem Traumberuf fragte, kamen defensive Antworten wie: "Ich würde gerne Reportagen schreiben, aber das wird bestimmt nicht leicht." P. W. Apple, lange New York Times- Korrespondent, meinte, dass der Journalismus für die Mittelschicht das ist, was Boxen für die Unterschicht ist: eine Möglichkeit, schnell wohlhabend und anerkannt und ganz weit oben zu sein. Etwas von diesem Aufsteigergeist gehört auch heute noch dazu, um im Journalismus voranzukommen.

Harald Schmidt, 42, moderiert seit fünf Jahren die "Harald Schmidt Show". Er wurde unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis, der Goldenen Kamera und dem Medienpreis für Sprachkultur ausgezeichnet

Eigentlich sollte die Henri-Nannen-Schule in ihren Briefkopf aufnehmen: die Schule, die Harald Schmidt abgelehnt hat. Das ist, als hätten sie die Beatles weggeschickt ... Dabei war meine Bewerbungsreportage so gut gewesen, dass ich unter den hundert war, die zum Test nach Hamburg eingeladen wurden. Kein Wunder bei dem Thema: "Theater kurz vor der Premiere". Ich hatte damals schon die Schauspielschule Stuttgart hinter mir, spielte am Theater Augsburg, war völlig frustriert und dachte: Vielleicht komme ich ja über die Journalistenschule zum Fernsehen. Lernen wollte ich dort nichts, ich war ja schon brillant. Ich sah die Journalistenschule eher als Türöffner, um an wichtige Leute ranzukommen. Dazu kam es aber nie, weil meine Mitbewerber alle was auf der Pfanne hatten und ich mir leider am Tag der Aufnahmeprüfung nicht treu geblieben bin. Wir sollten eine Reportage über das Hamburger Arbeitsamt schreiben, und statt bei der Wirklichkeit zu bleiben und zu schreiben: "Wer's mal richtig öde will, der geht aufs Hamburger Arbeitsamt", bin ich in einen Sozialarbeiter-Jargon gefallen: "Toll, Erwin, 22, aus Poppenbüttel darf jetzt Gummischreiner werden ..." Es war ein furchtbar hölzerner Text. Wenigstens hatte ich großartige Tage in Hamburg, zum Beispiel habe ich erlebt, was ein Monarch ist: Henri Nannen saß ja damals noch in der Aufnahmekommission und dieses Synchronverbeugen der anderen Chefredakteure, wenn er den Raum betrat - eindrucksvoll! Auch den Offizier der deutschen Sprache, Wolf Schneider, habe ich kennen gelernt. Die Mitbewerber von damals habe ich später nie wieder getroffen. Meine Kollegen bei der Harald Schmidt Show sind alle Quereinsteiger, ein Zoologe ist darunter, ein Historiker - keiner kommt aus der Kreativ-Branche, dort fällt ja niemandem etwas ein. Bei Interviews treffe ich selten Journalistenschüler, immer nur Infotainment-Muschis in Prada-Klamotten, die Berichte für Bizz und Fuzz, Explosiv und Exklusiv machen. Was mich am meisten nervt, sind Journalisten, die mir überhaupt nicht zuhören: Da rede ich im Sprechrausch über die Weltgeschichte im Großen und Ganzen, Soforterschießungen und so weiter. Und die klopfen auf ihren Block und fragen den nächsten Müll, obwohl ich gerade etwas gesagt habe, wofür man mich verhaften könnte. Inzwischen bin ich da rigoros: Wenn ich merke, dass einer in meiner Gegenwart üben will, schmeiße ich ihn nach fünf Minuten raus. Journalistenschulen sind also nötiger denn je, das Berufsbild ist ja völlig verlottert. Ich bin im Nachhinein natürlich froh, dass ich nicht aufgenommen wurde. Für den Verlag Gruner + Jahr, der die Henri-Nannen-Schule finanziert, tut es mir leid: Ich hätte den stern retten können!

Gabriele Fischer, 47, hat als Chefredakteurin die Wirtschaftsmagazine "Econy" und zuletzt "brand eins" entwickelt. Sie ist Trägerin des Theodor-Wolff-Förderpreises

Ich hatte den Führerschein, jetzt wollte ich fahren lernen. Deshalb bin ich nach der Henri-Nannen-Schule in die Provinz gegangen, zum Osterholzer Kreisblatt. Der damalige Schulleiter Wolf Schneider war mäßig begeistert: Zum stern und zum Spiegel sollten seine Journalistenschüler gehen, nicht in die Lokalredaktion. Der Konkurrenzdruck unter den Schülern - wer schreibt besser, wer hat mehr Texte veröffentlicht, wer geht anschließend zum besseren Blatt? - war damals Prinzip der Schule. Nicht dass ich das nicht ausgehalten hätte - aber nach anderthalb Jahren Training wollte ich der Glitzerwelt von Gruner + Jahr entkommen und hin zum Leben. Fünf Jahre war ich Lokalredakteurin. Da habe ich vor allem schnell und aktuell schreiben und produzieren gelernt. An der Journalistenschule waren es die interessanten Referenten wie Dagobert Lindlau und die Breite der Ausbildung, die mich begeistert haben. Und man lernt dort, sich an Autoritäten zu reiben, bei der Recherche nachzuhaken und auch mal zu streiten. Diese Fähigkeit zum Widerstand habe ich später noch oft gebraucht, zum Beispiel bei den turbulenten Ereignissen um Econy ,das wir zunächst gerettet und nach heftigen Auseinandersetzungen einem anderen Verlag überlassen haben, um mit neuen Investoren brand eins zu gründen.Wenn ich Redakteure einstelle, ist die Journalistenschule allerdings kein Kriterium, das läuft meist über Mundpropaganda. Journalistenschulen sind gute Einrichtungen, aber sie bringen nicht zwangsläufig die besseren Journalisten hervor.