Zwischen meiner reinen Vorfreude und dem großen Ereignis standen eigentlich nur 13 Buchstaben: Warum Hannover? Warum die Weltausstellung in einer Stadt, die weltweit eher als Ruheherd anerkannt ist? Für so etwas gibt es immer so genannte historische Gründe, aber diese entschuldigen mehr, als dass sie erklären, und sie sind unsinnlich, was gegen das erste und oberste Gebot dieser "Weltausstellung neuen Typus" verstößt. Ich stellte mir also lieber vor, dass die Möglichkeit einer Weltausstellung dem schlafenden Hannover wie ein feuchter Traum erschienen ist. Vielleicht wurde es ja von der Stimme jenes Mannes hypnotisiert, der im vorletzten Jahrhundert erklärt hatte, der Ort, der eine Weltausstellung ausrichte, werde damit "zum Mittelpunkt der Weltlust". Mittelpunkt der Weltlust! Da wälzte sich die Schläferin ein wenig, und sie hörte andere Stimmen sagen: Mach es! Mach es sinnlich, mach es groß, so groß, dass du alle Besucher und Kritiker erschöpfen wirst. Lass dich einmal in deiner Geschichte gehen, am besten zu den Weisen der um die Berliner Philharmoniker angereicherten Scorpions! Dann wirst du erleben, wie einer deiner hochkastigen Organisatoren "geiler als Playstation Two" sagen wird, ein Windbeutel wird nach dir benannt werden, Modern Talking wird dich besingen, und die Menschen werden sich trotzdem freuen; einen Thementag Die Nacht der Nacht wirst du mitmachen, eine Oper mit dem zarten Namen TagNachtTraumstaub wird für dich geschrieben werden, in der ein Mann träumt, dass er träumt, er träumt, dass er aus dem Traum erwacht, und das Erwachen ist auch noch ein Traum - und er besteht darin, dass der Mann eine der 500 Expo-Dauerkarten für 4000 Mark gewonnen hat und sie täglich nutzen muss.

Doch bevor es zu einem vorzeitigen Exposé-Erguss kam, erwachte Hannover, und seiner natürlichen Veranlagung folgend, riss es sich an der Leine, und es beschloss, das alles haben zu wollen, durchaus, die 3,4 Milliarden Mark, die 40 Millionen Besucher und doppelt so vielen leeren Coladosen, die 620 Tonnen Styropor für Halle 9 und Kabel für 1000-mal um die Erde, aber - das alles und noch mehr thematisch streng geordnet, nachhaltig, umweltverträglich, "in globaler Verantwortungsgemeinschaft" und nach der eigens entwickelten "UVP" oder "Umweltverträglichkeitsprüfung". Ob das machbar sei, fragte sich die zukünftige Stadt von Welt. Da kam eine Stimme von oben und sagte: "Das Wunder der Nachhaltigkeit, hier wird es Ereignis. Du, Hannover, kannst deinen Keks essen und ihn behalten!"

Dass die Weltausstellung allerdings auch nicht da war, als ein paar tausend Journalisten und ich da waren, erwies sich vielleicht nicht gerade als Vorteil, aber doch als Übung in der Flexibilisierung des Weltbegriffs. Es gab unglaublich interessante Maschinen und Menschen bei der Arbeit zu studieren. Und mit einem Mal merkte man, dass man mittendrin war: in der Welt, in der Weltausstellung und in ihrem Thema "Welten treffen aufeinander". Cargo-Pants kalkbespritzt trafen auf Cargo-Pants von Street One. Pony-Tails Landschaftsbau stießen auf Pony-Tails Bilderzeugung, elektronisch. Die "Vereinigung des Menschengeschlechts", die Prinz Albert bei der Eröffnung der ersten Weltausstellung 1851 sich von dieser erhofft hatte, hier fand sie probeweise statt. Und wir dürfen fest annehmen, dass es so weitergeht, wenn erst die Originaldarsteller und die Originalbesucher aufeinander treffen. Dritte Welt trifft auf Dritten Weg, Fankurve trifft auf Go.dot, Kirchentag trifft auf Industrieleistungsschau. Die Welt, die gerade noch Baustelle war, wird zur sozialen Schnittstelle werden.

Der Mehrzahl der Journalisten sah man allerdings die große Anspannung an, die ihnen "die Aufgabe" abverlangte. Diese bestand darin, auf möglichst elegante Weise diese Expo als Imprint der neuen Berliner Republik oder als Ausdruck der neoliberalen Weltordnung oder eben als "The End Of The World As We Know It", kurz: als TEOTWAWKI zu lesen. Solcher Ableitungszwang ist irgendwie mit der Retromode der siebziger Jahre zurückgekommen; die englische Presse durfte am Millennium Dome (auszusprechen wie "Doom") schon mal üben. Dass die Regierung Blair diese Version von "cool Britannia" emphatisch unterschrieben hatte, machte es der Presse leicht, zu leicht, aber selbst in einer so eindeutigen Situation kann man Kreativität beweisen. Der unnachahmliche AA Gill von der London Times verwies auf "the fox flap", die Fuchsklappe, die man in den Dome einbaute, nachdem man festgestellt hatte, dass eine Fuchsfamilie auf dem überwölbten Gelände wohnte. AA Gill: "Ist das nicht zum Schreien, zum Depressivwerden, zum Sichentleiben New-Labour-like?!" Was Gill nicht wissen konnte: Eine Fuchsfamilie hätte bei uns das gesamte Expo-Projekt Hannover gekippt, und wir hätten jetzt die Weltausstellung in Bitterfeld. Aber gut. Ich machte es mir zur Aufgabe, die Fuchsklappe auf dem Gelände der Expo zu finden, im übertragenen Sinne natürlich, meine eigene kleine Gegenallegorie, keine Ableitung, aber doch eine Art Sprengsatz, der von ganz allein unter den smarten Kreationen der dot.commies, der "Born-to-be-wired-Generation" hochgehen würde.

Es ist grottenfinster im 21. Jahrhundert

Die Weltausstellung kennt drei Darbietungsformen: grob geschätzte 5000 Colaautomaten (aus Holz, natürlich!), die Themenparks und die Nationenpavillons. Die Themenparks sind hässliche Messehallen mit ein paar bunten Bepperln draußen drauf. Diese sagen die großen Themen an: Mobilität, Zukunft der Arbeit, Wissen, Energie, Gesundheit, Ernährung, Basic Needs, Umwelt, Mensch, Planet of Visions, 21. Jahrhundert - und nennen außerdem die "Partner" aus der Wirtschaft, die ihrerseits in Project-Partner und World-Partner zerfallen. Wie das im Einzelnen funktioniert, kann man ganz gut an Halle 9 studieren, wo der Planet of Visions und das 21. Jahrhundert zu Hause sind. Als Erstes erfahren wir, was in fast allen Bauten gilt: Es ist grottenfinster. Was sagte Gott, als er die Welt der "Rich Media" schuf? Es werde dunkel! (Dabei kam die erste Weltausstellung in einem Glaspalast, besser einem Greenhouse zur Welt, dessen Effekte die Welt jetzt beklagt.) So stolpern wir ins 21. Jahrhundert wie in eine Geisterbahn hinein, im Fall des Zukunftsszenarios "Planet" zuerst in das irdische Paradies, das über einem schlecht gepflegten Zierteich an der Decke hängt, Blumen, Bäume, Einhorn, alles da, alles computergesteuert (eine "IBM System" arbeitet hier im Hintergrund, falls jemand mitschreibt). Adam war auch schon da. Als Echtmensch bevölkerte er die Szenerie und lümmelte - Achtung: Fuchsklappe, die erste! - zwischen zwei Symbolen, die in die raue Höhlenwand in Familie-Feuerstein-Optik eingelassen waren: eine Abdruckhand aus Höhlenmalereitagen und ein IBM-Signet. Adam am Scheideweg und wie alle Expo-Menschen eine ID-Card um den Hals tragend. Bitte, liebe Leserinnen und Leser draußen hinter dem "poor medium" Zeitung, geht das noch sinnträchtiger, noch dichter, noch sich-zum-Entleiben-Expo-mäßiger?

Der Hals dieses im täglichen Workout gestählten neuen Adam war sehenswert. Wenn wir seine Kragenweite mit dem IQ des Kopfes darüber gleichsetzen (nur eine Annahme), dann wird vielleicht meine Vision des Planeten verständlich: Die Chancen stehen gut, dass wir noch in diesem neuen Jahrhundert wieder in der Höhle anfangen dürfen, ohne IBM, nur mit ein bisschen Fingerfarben, aber dafür vielleicht auch mit mehr Fingern an jeder Hand. Es geht auch anders. Der Themenpark Mensch erschien mir als eine intelligente, weder übermäßig verspielte noch überdidaktisierte Auseinandersetzung mit Fragen wie Altersstruktur, demografische Entwicklung, Toleranz, Gen- und Hirnforschung. Man wird nicht bedröhnt, man kann sich frei bewegen, man darf Zusammenhänge selbst herstellen.