Husserls Assistentin ließ sich taufen und wurde Nonne, ehe sie den Weg nach Auschwitz ging. "Wir gehen für unser Volk", waren die letzten Worte, die man von ihr hörte, Worte zu ihrer Schwester, die den gleichen Weg hinter sich und den gleichen vor sich hatte. Edith Stein hatte, wie sie sagte, erst als Christin die einzigartige Bedeutung ihres Judentums entdeckt. Nach Herbert Schnädelbach muss ihrem Scharfsinn der antijudaistische Charakter der Religion entgangen sein, der sie zum Opfer gefallen war. Mutter Teresa hat mit ihren Schwestern in Kalkutta jahrzehntelang Tausende von Sterbenden - Christen waren kaum darunter - von der Straße aufgelesen und ihnen zu einem menschenwürdigen Sterben verholfen. Ihre Motivation empfing sie, Schnädelbach zufolge, von einer "menschenverachtenden Lehre". Maximilian Kolbe starb im freiwilligen Austausch gegen einen polnischen Familienvater im Hungerbunker, während er, Jesus nachahmend, für seine Mörder betete. Das Buch, das ihn inspirierte und das er, als katholischer Priester, täglich nach der liturgischen Lektüre küsste, ist nach Schnädelbach in dem, was es über "aufgeklärtes Judentum" hinaus enthält, eine Sammlung perverser Ideen und "dreister Lügen". Der gegenwärtige Präsident unserer Republik aber, ein bekennender Christ, kennt entweder seine eigene Religion oder aber die Verfassung nicht, denn wenn man Schnädelbach glauben darf, sind für ihn "Heiden bis zu ihrer Taufe keine Menschen und auch so zu behandeln".

Schnädelbachs Aufsatz Der Fluch des Christentums gehört zu den Äußerungen, die nach Aristoteles zunächst einmal nicht Argumente, sondern Zurechtweisung verdienen. In diesem Ton spricht man nicht über das, was einem großen und respektablen Teil der eigenen Mitbürger und einem sehr großen Teil der Menschheit das Heiligste ist. Außerdem gehört zu den ersten Regeln der Interpretation das principle of benevolence , das heißt der Versuch mit der Annahme, die Verfasser eines von größeren Geistern, als man selbst einer ist, hoch geschätzten Buches hätten keinen Unsinn geschrieben. Schnädelbach ist dem entgegengesetzten principle of malevolence gefolgt und hat ein Pamphlet geschrieben. Die neuerliche Gewissenserforschung insbesondere der katholischen Kirche am Maßstab des Evangeliums beunruhigt ihn. Er verabscheut diesen Maßstab, also das Christentum als solches, und sucht Belege, die seine Abneigung rechtfertigen. Wenn er einem christlichen Text Unsinn abgewinnen kann , tut er es. Da das mit jedem Text fast immer möglich ist, ist das Ergebnis solcher Bemühungen eher uninteressant, außer für die, die auf der gleichen Suche sind. Weil aber das Pamphlet einige der heute gängigen christentumskritischen Topoi enthält, bietet es Gelegenheit, auf deren Schwächen aufmerksam zu machen.

Das Christentum beruht auf einem Glauben mit kognitivem Anspruch. "Zeuge der Wahrheit" zu sein, dadurch definiert Jesus im Johannesevangelium vor Pilatus seinen Königstitel. Es gibt eine Tendenz in den Kirchen, den Wahrheitsanspruch des Christentums auf Trivialitäten zu reduzieren, denen jeder halbwegs Gutwillige zustimmen muss und die Schnädelbach aufgeklärtes Judentum nennt. Er begrüßt diese Trivialisierung, hält sie allerdings für das Ende des Chris-tentums. Und das ist auch so. Jude ist man nämlich durch Abstammung, welche Überzeugung auch immer man haben mag. Christ kann man als Erwachsener nur sein aufgrund bestimmter Überzeugungen. Bezeichnenderweise wird von dem, der Jude werden will, auch, außer der Beschneidung, ein bestimmtes Bekenntnis verlangt. Aufgeklärter Jude im Sinne Schnädelbachs kann man gar nicht werden. Aufgeklärte Juden sind nur im ethnischen Sinne Juden.

Gläubige Juden und Christen sind durch eine grundlegende nichttriviale Überzeugung miteinander verbunden, nämlich die Überzeugung, dass das Vollkommene dem Unvollkommenen ontologisch vorausliegt, dass der Grund der Wirklichkeit also nicht etwas , sondern jemand ist und dass die Welt aus dem freien Willen dieses Grundes hervorgeht. Der eine und einzige Gott, der Unbedingte und Heilige, hat alles erschaffen, was nicht Gott ist. Alles ist zugleich in ihm und er in allem. Gottesfurcht ist deshalb "der Anfang der Weisheit" (Psalm 111), Gottesliebe ihre Vollendung und Nächstenliebe der Probierstein der Gottesliebe, denn jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes und, so fügten die Christen hinzu: "Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht" (1. Joh. 4,20). Die Christen der ersten Jahrhunderte ließen sich scharenweise töten, weil sie aufgrund dieser Überzeugung trotz ihrer Staatsloyalität sich weigerten, vor der Kaiserstatue als Zeichen göttlicher Verehrung ein Weihrauchkorn abzubrennen. Wenn Gott nämlich jemand ist, dann kann man an ihm auch Verrat begehen. Die Juden brannten das Körnchen auch nicht ab, aber wegen ihrer ethnischen Selbstdefinition verschonte man sie in der Regel mit dieser Zumutung. Die Kirche als Israel für Juden und Heiden galt dagegen als subversiv. "In dieser Nacht", so betet noch heute die katholische Kirche in der österlichen Taufnacht, "machst du, Gott, wie du verheißen hast, den Abraham zum Vater vieler Völker. Lass die Fülle der Menschheit eingehen zur Kindschaft Abrahams und zur Würde Israels."

Mit diesem Gebet wuchsen katholische Kinder auch im "Dritten Reich" auf, sodass Pius XI. zwar bei den Nazis Empörung, bei den deutschen Rompilgern aber kein Erstaunen auslöste, als er sagte: "Spirituell sind wir alle Semiten." Dass "viele Christen" sich an der Ermordung der Juden während des Krieges "beteiligt" hätten, dieses böse Wort sollte Schnädelbach entweder belegen oder zurücknehmen. Es ist ebenso vergiftend wie die Leugnung dieser Ermordung. Schlimm genug, dass die meisten Christen sich terrorisieren ließen und geschwiegen haben. Ebenso wahr aber ist, dass nicht unter den Mördern, sondern unter den allzu wenigen mutigen Rettern vor allem Christen waren und dass der Papst bei dieser Rettung die Aktivitäten aller anderen Instanzen der Welt in den Schatten stellte. Die auf Deutsch geschriebene Enzyklika gegen den Nationalsozialismus, Mit brennender Sorge, von 1937 wurde weitgehend vom späteren Papst Pius XII. verfasst. Dass er zu dem - von der ganzen Welt verschwiegenen - Holocaust während des Krieges schwieg, war der Preis, zu dem er sich durchrang, um mehr als 700 000 Juden das Leben zu retten. Vor Augen hatte er das Beispiel der Bischöfe Hollands, die sich zum offenen Protest durchgerungen hatten um den Preis der unverzüglichen Ausdehnung der Mordaktion auch auf die getauften Juden. Wer will hier richten?

Übrigens war Schutz der Juden gegen religiös verbrämten Minderheitenhass die traditionelle Rolle bischöflicher und päpstlicher Autoritäten. Im Judendekret von 1199 verbietet Innozenz III., unter Berufung auf eine große Zahl seiner Vorgänger, aufs strengste Zwangstaufen und bedroht jeden mit dem Kirchenausschluss, der Juden schlägt, ihrer Habe beraubt, ihre religiösen Feste und Feiern stört, ihre Friedhöfe schändet oder "die guten Bräuche verändert, die sie bisher hatten in den Gegenden, in denen sie wohnen". Diese Bestimmungen wurden bis ins 18. Jahrhundert wiederholt. Bezüglich der ungehinderten Religionsausübung stimmen sie teilweise wörtlich überein mit Anordnungen Gregors I. aus dem Anfang des 7. Jahrhunderts und, was die Zwangsbekehrung betrifft, mit dem Brief, den Alexander II. im Jahr 1073 an den Fürsten Landulf von Behavent schrieb: "Unser Herr Jesus Christus hat niemanden gewaltsam zu seinem Dienst gezwungen, sondern durch demütige Ermahnung - wobei einem jeden die Freiheit der Entscheidung vorbehalten blieb - alle, die er zum ewigen Leben bestimmt hatte nicht durch Richten, sondern durch Vergießen des eigenen Blutes vom Irrtum zurückgerufen." Der Glaube, das Ergriffenwerden eines Menschen durch eine Evidenz oder eine große Liebe, kann nicht von außen erzwungen werden. "Niemand kommt zu mir, den der Vater nicht zieht", heißt ein Wort Jesu (Joh. 6,44).

Im Übrigen bedeutete die paulinische Prophezeiung, dass "wenn die Vollzahl der Heiden eingetreten ist, ganz Israel gerettet wird" (Röm. 11,26), in den Augen der Christenheit immer eine göttliche Bestandsgarantie für das jüdische im Unterschied zu allen übrigen Völkern. Die Rivalität zwischen Juden und Christen war in den ersten Jahrhunderten für die Christen oft tödlich. Weil ihre Mission weder Beschneidung noch mosaisches Gesetz zur Bedingung der Bekehrung für die Heiden machte, grub sie der jüdischen das Wasser ab und brachte sie weitgehend zum Erliegen. Das erklärt, warum die Juden sich auch mithilfe der römischen Staatsmacht der ungeliebten Konkurrenz zu entledigen suchten. Im christlichen Zeitalter ging die gegenseitige Abneigung natur-, wenn auch nicht evangeliumsgemäß zulasten der Juden und wich erst in unserem Jahrhundert einem um Verstehen und Lernen bemühten Dialog und brüderlichen Streit. Juden entdeckten Jesus als einen der Ihren und versuchten, das Christentum als Judentum für die Heiden zu respektieren oder gar zu legitimieren. Christen besannen sich auf die Mahnung des Paulus, sich nicht über die Juden zu erheben: "Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich" (Röm. 11,18). Sie sind nach wie vor der ältere Bruder, der im Vaterhaus geblieben ist und sich nun weigert, an dem Festmahl des Vaters für den verlorenen Sohn teilzunehmen. Ja, Christen entdeckten sogar entgegen dem Antijudaismus Voltaires und vieler Aufklärer den positiven Sinn eines messianischen Stachels in der Fortdauer des jüdischen Partikularismus, der sich hartnäckig dem triumphalen christlichen Universalismus verweigert.