Als Fünfjährige will Judy Chicago bereits während ihrer Besuche im Art Institute of Chicago den Entschluss gefasst haben, Künstlerin zu werden. Die Entfremdung, die sie beim Anblick tradierter Darstellungen von Frauen empfand, habe dazu geführt, einen "oppositionellen Blick" zu entwickeln, erklärt sie in der Einführung zu ihrem nun auf Deutsch erschienenen reich illustrierten Streifzug durch das vornehmlich westliche Bildrepertoire des weiblichen Körpers: "Schon damals wußte ich genau, daß ich nicht das Objekt des männlichen Blicks werden wollte. Im Gegenteil - ich wollte selbst das Subjekt des Blicks sein und die Bilder auch selbst schaffen."

Tatsächlich wurde die als Judith Cohen in Chicago geborene Tocher jüdischer Gewerkschaftler im Verlauf der siebziger Jahre zu einer der bedeutendsten feministischen Künstlerinnen. An der California State University in Fresno entwickelte sie die ersten Kunstseminare, in denen besonders auf die Bedürfnisse von Künstlerinnen eingegangen wurde. Die Rehabilitation vergessener Vorläuferinnen war dabei ebenso wichtig wie das Ausloten einer spezifisch weiblichen Bildsprache. Als Höhepunkt ihrer feministischen Antwort auf den männlich dominierten Kunstmarkt zählt bis heute die kontroverse Installation The Dinner Party: Ein gigantischer dreieckiger Tisch, dessen 39 Gedecke berühmten Frauen der Kulturgeschichte gewidmet sind, während der weiße Porzellanboden unter dem Tisch mit goldener Inschrift die Namen weiterer 999 Frauen trägt.

Judy Chicagos Projekt ist durchaus ein aufrechtes. Die Wut, mit der sie gegen jede bildnerische Arbeit wettert, die ihren vom symbolischen Realismus geprägten ästhetischen Vorstellungen nicht entspricht, ist verständlich. Auch kann man ihr die moralisierenden Vorurteile ihrer Bildbesprechungen nicht wirklich übel nehmen. Gibt sie doch offen zu, sie gehe von einem ungebrochenen Verhältnis zwischen Bild und abgebildeter Wirklichkeit aus. Für sie bieten Bilder eindeutige Identifikationsmöglichkeiten für die Betrachterin und werden demzufolge danach beurteilt, ob sie starke und aktive Figuren darstellen oder passive und unterwürfige.

So verwundert es einen kaum, dass sie Bilder von Kriegerinnen mag, wie auch von mythischen Figuren, die sich wie Artemisia Gentileschis Judith gewaltsam gegen patriarchale Machtstrukturen auflehnen. Ebenso bevorzugt sie Bilder von weiblichen Gottheiten, die deren Würde und Kraft hervorheben, während sie allegorische Darstellungen grundsätzlich ablehnt, da hier eine weibliche Erfahrungswirklichkeit entstellt werde. Darstellungen des nackten weiblichen Körpers wie etwa Giorgiones Ruhende Venus werden von ihr regelrecht verabscheut, weil sie darin ausschließlich eine Vereinnahmung der Frau durch einen männlichen Blick sehen möchte.

Irritierend wirkt der vorliegende Bildband deshalb, weil er die Möglichkeit gar nicht zulässt, dass es viele, oft widersprüchliche Wege gibt, wie Bilder in der Welt sind, wie sie dort wirken, und wie wir sie individuell aufnehmen. Weil Judy Chicago von eindeutigen Bildinhalten ausgeht und sich somit weigert, die Brüchigkeit im Verhältnis zwischen Bildbetrachtung, Identifikation und Handlung anzuerkennen, lässt ihr Blick die Möglichkeit nicht zu, dass ein anstößiger Inhalt durchaus faszinierend und sogar für die Fantasiearbeit wichtig sein könnte.

Ebenso wenig lässt sie gelten, dass eine Rezeption widersprüchlich sein kann: dass man das Identifikationsangebot eines Bildes ablehnen und darin trotzdem eine wichtige, weil entlarvende Inszenierung misogyner oder rassistischer Machtstrukturen entdecken kann. Die Debatte um Pornografie wie auch um Gewaltdarstellungen hat jedoch immer wieder gezeigt: Es besteht nicht nur ein gravierender Unterschied, ob ein entwürdigender Blick nachgestellt oder ob dieser explizit inszeniert wird. Die Bedeutung der dort vorgeführten Vereinnahmung des weiblichen Körpers kann vom Betrachtenden durchaus auch ausgehandelt werden. Wenn im Umfeld der angloamerikanischen Kulturwissenschaften immer wieder der Begriff eines negotiated reading aufgeworfen wird so deshalb, um hervorzuheben, dass es weder eine festgeschriebene Bedeutung einer Darstellung noch eine festgeschriebene Betrachterposition gibt.

Bilder prägen uns - aber wie, das entscheiden wir mit