Staatsbesuch aus Gabun, die frisch gebackene Legationssekretärin im Protokoll des Auswärtigen Amtes, Helga Magis, gehört zur Ehrenbegleitung des Präsidentenpaares. Auf dem Damenprogramm steht der Besuch eines blitzneuen Altersheimes. Für jede Greisin ein eigenes Zimmer! Man ist mächtig stolz.

Doch über das schöne schwarze Gesicht der Präsidentengattin rollen dicke Tränen, so entsetzt ist sie: "Warum tut ihr euren alten Frauen das an? Warum sperrt ihr sie in eine Zelle?" Sie empfand es als Folter.

Wo solche Gefühle möglich waren, dahin wollte die junge Diplomatin, die in Politikwissenschaft promoviert und gerade ihre Ausbildung im Außenministerium beendet hatte. Das war 1969, und so war ihr Afrika zum ersten Mal begegnet.

1994: Die gestandene Diplomatin war inzwischen in Ankara, Kairo und Nairobi auf Posten und leitet jetzt das Ost- und Zentralafrika-Referat im Auswärtigen Amt. Sie hatte die Ministerpräsidentin von Ruanda besucht - es war ein schöner Tag mit guten Gesprächen in Kigali gewesen. Zwei Wochen später erreicht sie die Nachricht: "... und müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass die Präsidentin zerhackt, ihre belgischen Bewacher erschossen worden sind."

Wo so viel Grausamkeit war, von da wollte sie weg, erst mal eine Weile out of Africa. Sie ging in den Jemen, auf ihren ersten Botschafterposten. Doch Afrika hat sie längst wieder.

Die große Schwester ist Botschafterin in Wien

Seit dem 16. Februar 1999 leitet Helga Gräfin Strachwitz die Unterabteilung Afrika, eine Führungsposition, wie sie außer ihr nur noch zwei Frauen besetzen - alle von Joschka Fischer ernannt, 130 Jahre nach Gründung des Auswärtigen Amtes, dieses klassischen Herrenclubs. Nehmen die noch ein Mädchen?, hatte sie einst ihre große Schwester Gertrud gefragt, die schon im Lehrgang steckte. Inzwischen sind beide Ministerialdirigentinnen und damit auf der höchsten Stufe angelangt, die nur vier Frauen bislang überhaupt erklimmen durften. Gertrud Holik war Botschafterin in Äthiopien und residiert jetzt in Wien, die "kleine" Schwester versammelt einen ganzen Krisenkontinent auf ihrem Tisch.

Helga Gräfin Strachwitz ist 59 Jahre alt, eine elegante Frau mit kräftig blauen Augen, in denen sich Neugier, Witz und Ironie spiegeln und eine Spur Härte. Sie ist selbstsicher, verfügt über starke Nerven und analytische Distanz, eine beruhigend gesunde Mischung für diesen Job, in dem man mit Herzblut allein schnell scheitert. Doch die Bilder des Jammers, die sich bei ihrer letzten Visite im April im Kriegs- und Hungerland Äthiopien eingebrannt haben, sitzen im Kopf: "Im Ogaden, wo 3,5 Millionen Menschen leben, wütet der Hunger in seiner schrecklichsten Gestalt. Ich sah Kinder auf dem Schoß ihrer Mütter sterben und traf auf verendete Viehherden. Es ist ein Grauen, viel schlimmer, als alle Fernsehbilder vermitteln können." Das einstündige Gespräch mit dem Staatspräsidenten brachte kein Ergebnis. Stolz und stur beharren das alte Äthiopien und das junge Eritrea darauf, ihren blutigen Krieg auszufechten. Waffen haben sie reichlich. Sollen wir solche Regierungen entlasten, indem wir uns für die Linderung des Hungers zuständig erklären?

"Wir müssen", erklärt die Gräfin, "dafür gibt es die humanitäre Hilfe und das gute alte christliche Abendland."

Die Politik steht auf einem anderen Blatt, sie handelt von den deutschen Interessen in Afrika: "Erstens", zählt Helga von Strachwitz kühl auf, "Sicherheitsinteressen - Stichwort Drogen, Flüchtlingsströme, Aids, Umweltprobleme. Zweitens: wirtschaftliche Interessen. Es gibt eine Reihe potenziell reicher Länder, es gibt irgendwann einen riesigen Markt - und die Amerikaner machen große Anstrengungen, sich diesen Bereich zu erschließen.

Also: Wir haben ein originäres Interesse an der Stabilität in Afrika - am besten, indem sich dort Frieden und demokratische Verhältnisse entwickeln."

Die Bilanz ist nicht gerade eindrucksvoll, aber die Diplomatin ist verhalten optimistisch: In über der Hälfte der afrikanischen Staaten haben Wahlen stattgefunden, oft unter korrupten Bedingungen und unter Anwendung von Gewalt - "aber das Prinzip beginnt zu greifen, und so hat ein Land wie Nigeria mit 120 Millionen Einwohnern zu einer demokratisch legitimierten Regierung zurückgefunden". Ein weiterer Silberstreif am Horizont: Der kleinste gemeinsame Nenner einer europäischen Afrikapolitik sei deutlich größer geworden. Im Übrigen stärkt die Gräfin ihren Realismus durch die historische Perspektive: Was sich bei uns über Jahrhunderte entwickelt habe, könne dort nicht in vier Jahrzehnten übers Knie gebrochen werden.

Ihre Sorgen waren schon mal kleiner, die Probleme handlicher, und es gab häufiger Erfolgserlebnisse. In Kairo zum Beispiel, wo sie in der Kulturabteilung der deutschen Botschaft arbeitete und über die ersten großen Ägyptenausstellungen mitverhandelte, die wir dann in Deutschland bestaunen konnten: Nofretete/Echnaton, Götter und Pharaonen und Tut-ench-Amun. Sie hatte inzwischen geheiratet, eine Tochter und einen Sohn bekommen, die sie nach der Scheidung allein großzog. "Nie aufgeben, aussetzen oder Halbtagsjobs annehmen, wenn man seinen Beruf liebt und eine Karriere will", rät sie jungen Kolleginnen, "lieber viel Geld für die Kinderbetreuung ausgeben und sich, falls nötig, kurzfristig verschulden." Berufstätige Frauen in Afrika hätten es oft leichter: Es gibt immer eine Großfamilie, die sich kümmert und sie trägt - und ihnen nicht das bedrückende Gefühl vermittelt, Kinder, Mann, alle kämen zu kurz. Obendrein, so hat sie beobachtet, scheint für berufstätige Frauen in Entwicklungsländern, wenn sie erst einmal lesen und schreiben gelernt und eine Universität besucht haben, der Durchgang nach ganz oben einfacher als in den so genannten entwickelten Industrieländern.

Sie selbst hatte nie ein Problem, akzeptiert und respektiert zu werden. Sogar im arabischen Sanaa. Die weibliche Besetzung des deutschen Botschafterpostens quittierte der Staatspräsident des Jemen mit den Worten: "Unser Weg in die Moderne wird gewürdigt." Beim Präsidenten, aber auch bei den konservativen Scheichs war sie stets willkommen, "und ich durfte zu den Frauen!" - ein großes Privileg und eine aufschlussreiche Informationsquelle. Die friedliche Befreiung deutscher Geiseln und die Auslieferung des Terroristen Johannes Weinrich fallen in ihre Amtszeit. Dass es nur eine Frage von Tagen war, den Respekt der Männerwelt zu gewinnen, verdankt sie einem Pferd, einem braunen Araber, vier Jahre alt, wild und "hinreißend schön". Die passionierte Reiterin durfte ihn sich unter den 150 edlen Tieren der Offiziersakademie aussuchen: Sie stieg auf, er brannte durch, sie konnte ihn bändigen und galt fortan als mutig und kampfstark.

Die so genannte Frauenfrage hat Gräfin Strachwitz nie sonderlich interessiert, sie hat immer ein selbstbestimmtes Leben geführt. Aber dass da was faul ist in diesem Herrenclub, wo jede als Vertreterin einer kleinen radikalen Minderheit unter besonderer Beobachtung steht, ist ihr klar.

Deshalb ist sie froh, "dass wir Frau Müller haben".

Ursula Müller, 42 Jahre alt, ist die effiziente Frauenbeauftragte im AA. In multilateralen Verhandlungen geschult, bringt sie beste Voraussetzungen mit.

Ein Kollege hatte ihr einst strahlend mitgeteilt, mit Frauen arbeite er gern zusammen, denn die könne man so schön ausbeuten. Ein Missverständnis. Im AA wirkt die Historie bis heute nach: 1870 gegründet, bekamen Frauen erst 1950 Zutritt - einem entsprechenden Vorschlag "stimmte der Kanzler (Adenauer) lächelnd zu", wie Botschafter Haas in seinen Erinnerungen schreibt. Sie blieben dann jahrzehntelang auf den unteren Rängen der Rechts- und Kulturabteilungen hängen. "Der ideale Diplomat", so lautete das viel zitierte Urteil eines britischen Diplomaten, "soll unparteiisch, unbeirrbar und ein wenig gefühllos sein. Und das sind keine weiblichen, sondern männliche Eigenschaften." 1969 ernannte Willy Brandt die erste deutsche Botschafterin.

Heute sind es neun - keine einzige von ihnen betreut eine Großbotschaft, etwa Tokyo oder London. Frauen wurden stets langsamer befördert und sind an die 60, wenn sie dort ankommen, wohin Männer mit 40 gelangen. Noch nie gab es eine Abteilungsleiterin, Staatssekretärin, Ministerin.

Immerhin: "Wir sind nicht mehr das Schlusslicht" konstatiert Ursula Müller und arbeitet unter anderem daran, dass es bald die erste Abteilungsleiterin im Auswärtigen Amt gibt - nach dem Motto: Es müssen nicht nur mehr Frauen werden, sie gehören auch auf strategisch wichtige Posten - ins Ministerbüro, in den Planungsstab, nach Washington. Und junge Frauen haben mittlerweile durchaus Vorbilder im Hause. Eines davon, sagt Ursula Müller, "ist die Gräfin Strachwitz".