Wer denkt, mit dem Handy durch die Einkaufslandschaft torkelnd, schon an einen gewissen Braun? Wer weiß schon, wenn er Radio hört, mit Satellitenhilfe durchs Meer pflügt, den Fernseher anwirft oder auf den Computermonitor starrt, wessen Entdeckungen und Erfindungen er die moderne Infrastruktur im Grunde genommen verdankt?

Dem Physiker Ferdinand Braun, geboren vor 150 Jahren, am 6. Juni, in der kurhessischen Stadt Fulda, sollten wir gleich mehrfach danken. Denn die "Nervenzellen" in unserer Alltagselektronik sind Transistoren, mal einzeln eingelötet, mal kolonienweise auf Chips angesiedelt - und alle Transistoren funktionieren nach dem Halbleiterprinzip, das Braun entdeckt hat. Dasselbe gilt für die Waffel oder, unsäglicher noch, wafer, die durch den Wirtschaftsteil der Zeitungen geistert. Es handelt sich dabei gewissermaßen um eine Wurstscheibe aus einer Einkristallsalami, die in den Chipfabriken zu Scheiben zersägt wird. Auch sie ist ein Halbleiter.

Es war in Würzburg, wo Universitätsassistent Braun die Idee kam, elektrische Leitfähigkeit statt an Salzlösungen an geschmolzenen Salzen oder Kristallen zu untersuchen. Er bemerkte dabei einen kuriosen Effekt: Die Kupfersulfidkristalle ließen in einer Richtung viel Strom durchfließen, nach dem Umpolen aber sperrten sie praktisch den Stromfluss - in krassem Widerspruch zum Ohmschen Gesetz für Drähte. Konnte Braun sicher sein, dass dies kein Artefakt war, kein Schmutzeffekt der Versuchsanordnung? Als sorgfältiger Experimentator machte er sich daran, dies systematisch auszuschließen, und kam dabei auf eine Anordnung, die den Effekt besonders deutlich hervortreten ließ: Als eine Zuleitung wählte er die Metallfassung des Kristalls, als andere einen zur Feder gebogenen Draht, dessen Spitze auf den Kristall drückte. Damit war das erste Halbleiterbauteil erfunden: die Diode, ein Ventil für elektrischen Strom.

Heute gilt Brauns Vortrag vor der Naturforschenden Gesellschaft in Leipzig als Urknall der Halbleitertechnik und der mittlerweile lebenswichtigen Mikroelektronik. Doch im Unterschied zu Röntgens später entdeckten X-Strahlen, die vorher nie gesehene Fotos lieferten, lag die Anwendung des Halbleitereffekts damals nicht auf der Hand.

Braun hatte mittlerweile den lausig bezahlten Assistentenjob in Würzburg gegen die lukrativere Stelle eines Oberlehrers für Naturlehre am Leipziger Thomas-Gymnasium getauscht - damals die einzige Perspektive für Physiker, falls sich nicht eines der raren Extraordinariate ergab. Seinen didaktischen Eros konnte Braun in ein populäres Hausbuch mit dem Titel Der junge Mathematiker und Naturforscher gießen. Das kongeniale Gegenstück zu Michael Faradays Naturgeschichte einer Kerze wird rechtzeitig zum 150. Geburtstag als Taschenbuch bei rororo science wieder aufgelegt. Es ist das einzige Buch Ferdinand Brauns, der nebenher humoristische Beiträge für die Münchener Fliegenden Blätter als Brotartikel schrieb.

Ein Nobelpreis für die optimierte Knallfunkentechnik

Brauns Schultätigkeit dauerte gerade mal zwei Jahre, dann konnte ihm der nach Heidelberg gezogene Georg Quincke ein Extraordinariat in Marburg vermitteln. Es ging aufwärts. Braun blieb bei der Elektrochemie und stellte thermodynamische Überlegungen an, die den großen Helmholtz pikierten und mit denen Braun dessen Formulierung der Freien Energie vorwegnahm. Nach fünf Jahren folgte das nächste Extraordinariat in Straßburg, dann 1883 die Professur am Karlsruher Polytechnikum. Braun befasst sich mit hohen Temperaturen, erfindet das Pyrometer zu deren berührungsloser Messung, und Bruder Wunibald vermarktet es. Der 34-Jährige heiratet die acht Jahre jüngere Amélie Bühler, Tochter des Schwiegersohns vom Lahrer Zigarrenkönig Bader.