Und, vis-à-vis, die Kathedrale: der Stein lichtpoliert, buntes Glas, von Sonnenstrahlen zum Leuchten gebracht, die Worte des Priesters, die man nicht vergisst: Ihr müsst lernen, den Feind zu lieben. Den Feind lieben, der ihre Stadt granatierte, ohne Respekt vor den Menschen, ohne Respekt vor dem Alter der Steine. Den Feind lieben, der auf den Hügeln über der Stadt lauerte, als hielte er Gericht über die Menschen von Dubrovnik.

"Wenn ich daran denke, was geschah, 1991, 1992", sagt Marko, "denke ich, es ist einem anderen Menschen passiert." Und doch war es Marko, der zur Kathedrale lief, fast täglich, nachmittags um fünf, während der Feuerpause. Wenn das Feuer eingestellt war, verließen die Menschen ihre Keller, liefen durch die engen Gassen, auf den Schutz der Häusermauern vertrauend. Nach der Messe scharten sie sich um den Priester, diesen Advokaten einer höheren Wahrheit. Sie nahmen ihn ins Kreuzverhör: Den Feind lieben, der uns die Beine wegschießt, das Lachen wegschießt, die weißen Steine schwarz färbt ...

Wir sitzen im Windschatten der Kathedrale, zurückgelehnt in dunklen Korbsesseln, wir trinken zu viel Kava za slagom, neben uns sitzt das alte Ehepaar aus Sarajevo, Flüchtlinge, notdürftig eingerichtet im Dauerexil. Sie kommen jeden Morgen ins Troubadour: Kava espresso und das Schlechte aus aller Welt. Sie trägt einen Sonnenhut und zitiert aus der Tageszeitung Jutarnij List, er hört zu, den Kopf geneigt. Manchmal schüttelt er den Kopf, weil diese Welt noch immer für eine böse Überraschung gut ist.

Jeder kennt das Troubadour, jeder kennt Marko. "Dobar dan", rufen sie im Vorbeigehen. "Ciao, Marko", rufen sie dem Mann zu, der vorn am Bistrotisch sitzt, gleich neben dem Eingang, der von einem vertrockneten Lorbeerkranz gerahmt ist. Marko: nicht mehr jung, die Sonnenbrille zu groß, der Goldschmuck zu schwer, der Unterarm zu mächtig, neben dem sich die Espressotasse auf dem Tisch klein ausnimmt wie eine Murmel. Er beherrscht die Kunst der Galanterie, der Handkuss ist formvollendet. Frauen, mit perfektem Make-up und trällerndem Lachen, revanchieren sich gerne mal mit selbst gemachtem Rakija-Schnaps.

War es nicht Marko, der im Dezember 1991, zu Ehren des großen Mozart, in der Stadt ein Konzert improvisierte, und die Soldateska, oben auf Zarkovica, antwortete mit dem heftigsten Artilleriebeschuss seit Kriegsbeginn? Waren es nicht Marko und seine Troubadours, die ihr Land Ende der Sechziger, als es noch an die identitätsstiftende Parole von Einheit und Brüderlichkeit glaubte, beim Grand Prix de la Chanson repräsentierten? Danach tourten sie durch die TV-Shows der westlichen Welt, moderne Vagabunden, ihr Repertoire eine Melange aus Yugo-Pop und Folklore, das kam an. Einmal waren sie bei Vico Torriani zu Gast, die Troubadoure aus Dubrovnik. Bei einem Festival trafen sie einen Sänger namens Heino: Mandolinen und Gitarren, daran erinnert sich Marko, Mandolinen und Gitarren, und wie das grießblonde Haar dieses Deutschen um seinen Kopf saß wie eine knapp geschnittene Kapuze.

Marko, der Musiker, der Wirt, der Impresario: Alle kamen sie zu ihm, ins Troubadour, die Jazzgrößen und Jazzlegenden, alle kamen sie und spielten in seinem Eckcafé. Im Hochsommer, zu Festivalzeiten, wenn die Stadt wie im Fieber war, kamen die Schauspieler. Nach jeder Vorstellung zogen sie lärmend ein ins Troubadour. Komödianten, toll wie die Kinder. Keinen Schlaf findend, zum Umfallen müde.

Im Büro der Festivalleitung klingeln auch heute wieder drei Telefone gleichzeitig, man gibt den Eingebildeten Kranken, Oedipus Rex und natürlich Hamlet: Sein oder Nichtsein, die Frage hat in dieser Stadt einen besonderen Klang. In allen Straßen soll Musik wehen: Bach, Tschaikowsky, Dvorák, Mozart, dieser Sommer soll endlich wieder werden wie die goldenen Sommer von einst. Und Sveti Vlaho, heiliger Blasius, schütze uns vor dem Schirokko.