DIE ZEIT: Herr Kuhn, Sie kandidieren für den Vorsitz der Grünen. Wenn Sie auf dem Parteitag in zwei Wochen nicht gewählt werden, haben Sie keine Rückfahrkarte. Warum gehen Sie dieses Risiko ein?

FRITZ KUHN: Ich bin jetzt seit 20 Jahren bei den Grünen, und ich finde sie zu wichtig, um in der Erschöpfung einer Generationenpartei zu enden. Bei dem bevorstehenden Neuanfang möchte ich meinen Beitrag leisten. Das Risiko gehe ich gerne ein.

KUHN:Die Grünen sind in einer schwierigen Situation. Trotzdem will ich mich nicht an dem krisenverstärkenden Gerede beteiligen, das auch in der Partei um sich greift. Wir müssen unsere Schwierigkeiten benennen, ohne sie weiter zu zementieren. Denn die Themen, die wir vertreten, sind zukunftszugewandt. Wir kommen nicht mit einem alten Bestand an Inhalten daher. Die Ökologie bleibt das entscheidende Zukunftsthema.

ZEIT: Auch wenn Sie die existenzielle Krise nicht vertiefen wollen, was hat sie verursacht?

KUHN: Wir verlieren bei Wahlen, im Wesentlichen seit der Fünf-Mark-Diskussion. Das ist nicht der alleinige Grund für die Krise, aber man kann daran unsere Fehler erkennen. Ökologisch gesehen, waren die fünf Mark richtig: Aber wir haben nicht reflektiert, welche Botschaften wir damit aussenden. Die soziale lautet: Wenn die Grünen drankommen, ist Autofahren nur noch etwas für Reiche. Und für die Jugendlichen hieß das: Lasst alle Hoffnung fahren, euch frei zu bewegen. Wir haben den Konflikt zwischen ökologischer Verantwortung und Freiheit nicht erkannt. Das ist exemplarisch für die grüne Krise.

ZEIT: Aber was hieße, den Konflikt zu erkennen? Am Ende birgt doch jede ökologisch motivierte Einschränkung eine Zumutung.

KUHN: Ich sage nicht, dass die Ökosteuer falsch wäre. Sie ist ein Epoche machender Schritt. Aber weil die Grünen nicht ausschließlich für Ökologie stehen, müssen sie auch die anderen Botschaften mit bedenken. Wir waren von Anfang an auch eine emanzipative Partei, die das Individuum stärken will, die die Jugend versteht, die am Wert der Freiheit ausgerichtet ist. Ökologie mutet uns etwas zu, weil sie zu Beschränkungen mahnt. Aber sie ist auch eine Verlockung, weil sie die Lebensqualität steigert und künftige Interessen berücksichtigt. Wir müssen das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung nachvollziehbarer machen.