"Wissen hält nicht länger als Fisch"

(Alfred North Whitehead)

Wenn eine gerade benötigte Informationsquelle nicht angezapft werden kann, fällt alles trocken: Mal weiß keiner, ob es die Quelle gibt, mal keiner, wo sie liegt, oder keiner kennt den Schlüssel, Codiertes zu lesen. Kein Wunder, dass "Wissensmanagement" zum Werbeslogan der Organisationsberater wurde. Subtext: Effizienz kann man kaufen. Wie Wellness.

Das kommt an. Amazon bietet 59 Buchtitel zum Thema. Aber wehe dem, der sich dieser Wälzerware nähert. Ihn erwartet kaum Konkretes. Und schon gar nicht eine Antwort auf die Frage: Was ist das eigentlich, Wissen? Das heißt, es gibt sogar sehr viele Antworten, aber gleich dermaßen viele, dass wir lernen: Eine anerkannte Definition existiert nicht.

Na und? Schließlich kann auch niemand allgemeingültig angeben, was das Wort "Energie" bedeutet. Die Physik bietet zwar Formeln, die sehr wohl einen Sinn ergeben, aber doch stets nur im konkreten Fall. Energie lässt sich gewinnen, speichern, abgeben und so weiter, lässt sich sogar berechnen, nur eben nicht in abstracto definieren. Doch kein Physiker stört sich daran - Hauptsache, die Formeln funktionieren besser als, sagen wir: die Londoner U-Bahn. Dort wurden kürzlich mehrere Rolltreppen an den wichtigsten Umsteigebahnhöfen gestoppt, was zu Unannehmlichkeiten führte. Man hatte Risse in einigen Verstrebungen entdeckt. Das Problem war: Niemand wusste mehr, wozu diese Verstrebungen gut waren. Es blieb nur noch, die Rolltreppen komplett auszutauschen. Ein typischer Fall. Das Wissen verschwindet. Irgendjemand hat es mitgenommen.

Aber gibt es solche Probleme nicht von alters her? Zugegeben, das stimmt. Nur eben: Auf das Maß kommt es an. Akteure in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft benötigen heute weitaus mehr Wissen als in den vordigitalen Zeiten; Wissen ist der kritische Faktor geworden. Nehmen wir das Militär: Moderne Aufklärungsmittel machen den Gefechtsraum transparent; "überraschende Aktionen sind nur noch nach Gewinnen der Informationsüberlegenheit denkbar" - so formuliert es das Fachjournal Soldat und Technik. Zu den klassischen Faktoren "Feuerkraft und Bewegung" gesellt sich, kampfentscheidend, das Wissen.

Oder nehmen wir einen Klassiker der Hardware: Trecker. Die amerikanische Firma Massey-Ferguson stellt seit 1847 landwirtschaftliche Geräte her; vor acht Jahren rüstete sie ihre Traktoren mit GPS-Empfängern aus, außerdem mit optischen und Feuchtigkeitssensoren, die "High Precision Farming" erlauben: hoch genaue Landwirtschaft. Irgendwo auf dem Hof installiert der Landwirt seinen Agrarrechner, und indem er auf dessen Touchscreen herumtippt, erfährt er die aktuellen Erntemengen und Bodeneigenschaften, sodass er Quadratmeter pro Quadratmeter optimale Aussaat- und Düngemittelmengen bestimmen kann. Er braucht die Werte nur noch an seine Traktoren weiterzugeben. Mittlerweile gehört die Beratung für dieses "Ertragsmanagement" zum Kerngeschäft des Unternehmens - Massey-Ferguson ist ein Wissensdienstleister.