Wenigstens einen würdigen Preisträger hat die Deutschland-Stiftung für ihren Konrad-Adenauer-Preis in diesem Jahr gefunden. Die Auszeichnung für Literatur ging an Otfried Preußler, den Schöpfer der unsterblichen Kinderbücher Der kleine Wassermann, Die kleine Hexe und Der Räuber Hotzenplotz. Preußler, ein freundlicher alter Herr, erklärte in seiner kurzen Dankesansprache, er wolle seine Leser, Kinder wie Erwachsene, vor allem zum Lachen bringen. Wer zum Lachen fähig sei, vor allem über sich selbst, der werde besser mit dem Leben und sogar mit manchem Schicksalsschlag fertig.

Fast konnte man glauben, diese Bemerkung sei ein verdeckter Seitenhieb gegen die Preisgeber. Denn bei der Deutschland-Stiftung, einem 1966 gegründeten und entsprechend in die Jahre gekommenen geistigen Kampfbund gegen den Verfall deutscher und christlich-abendländischer Werte, gibt es nichts zu lachen. Auf einem anderen Blatt steht, was dieser Verband an unfreiwilliger Komik produziert. Für den vergangenen Sonntag hatte er sich vorgenommen, ein "Bekenntnis zur Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit" abzugeben. Den zweiten Konrad-Adenauer-Preis, in der Sparte "Wissenschaft", hat er daher einem Forscher zuerkannt, der angeblich "diffamiert und ausgegrenzt" werde und dessen Werk einer "offiziellen oder informellen Zensur zum Opfer" zu fallen drohe. Musikalisch umrahmt von einer Blechbläserkapelle in Tracht, die Händel, Johann Strauß und Brahms spielte, ermuntert durch Grußworte des bayerischen Ministerpräsidenten und der CSU-Landesgruppe, schritt man zur Ehrung des für seine fragwürdigen Theorien über den Nationalsozialismus berüchtigten Historikers Ernst Nolte.

Diesem Argumentationsmuster - es müsse doch erlaubt sein, auch politisch und moralisch unbequeme Ansichten zu äußern - folgte in München Horst Möller, der Direktor des renommierten Instituts für Zeitgeschichte, bei seinem Rettungsversuch des Werkes Ernst Noltes. Warnungen wie die seines Historikerkollegen Heinrich August Winkler, der ihn in einem offenen Brief beschworen hatte, auf seine Laudatio zu verzichten, weil gerade er als "konservativer Demokrat" auf Abgrenzung gegenüber "nationalapologetischer" Geschichtsschreibung achten müsse, solle die von ihm repräsentierte Institution nicht bleibenden Schaden nehmen, schlug Möller mit einer flapsigen Bemerkung in den Wind. Er spreche hier als Privatperson, und schließlich stehe nirgendwo im Grundgesetz geschrieben, dass die Meinungsfreiheit für Institutsdirektoren keine Geltung habe.

Möller mühte sich in seiner Laudatio gleichwohl, gegenüber dem Geehrten eine gewisse Distanz einzuhalten. Einigen Kernthesen, mit denen Nolte seinen guten Ruf als Pionier der vergleichenden Faschismusforschung ruiniert hat, verweigerte er die Zustimmung. Nein, ließ Möller durchblicken, er teile Noltes Überzeugung nicht, dass der Nationalsozialismus in erster Linie als Reaktion, wenn nicht gar als Kopie des Bolschewismus zu verstehen sei und dass die Furcht vor der Ausbreitung des Leninschen Terrors den "rationalen Kern" von Hitlers Wahnideologie ausmache. Auf die skandalöseste der Nolteschen Thesen, Hitler habe "das Judentum" mit einem gewissen Recht als Kriegsgegner behandeln können, ging Möller gar nicht erst ein.

Wenn er aber all diese Theoreme, die nach Noltes eigenem Verständnis wesentliche Elemente seiner "historisch-genetischen" Geschichtsinterpretation darstellen, nicht teilt - was bleibt dann übrig vom emphatischen Urteil des Laudators über ein "Lebenswerk von hohem Rang und unverwechselbarer Eigenart"? Möller versuchte sich aus dem Widerspruch zu befreien, indem er auf Beiträge Noltes verwies, die nicht den Nationalsozialismus zum Thema haben - etwa seine Studie über Marxismus und industrielle Revolution von 1983. Noltes eigentliche Intention sei es, "mit großem weltgeschichtlichen Zugriff eine ,Ortsbestimmung unserer Gegenwart'" zu liefern, die "komparativ Epochen, Nationen, Ideologien umfasst". So gesehen, sei er gar kein Historiker im engeren Sinne, sondern ein "Geschichtsdenker" in der Tradition der "dialektischen Geschichtsphilosophie Hegels und der begriffenen Geschichte Kants".

Doch mit diesem Schachzug, Nolte qua Nobilitierung zum "einzigen Geschichtsphilosophen unter den deutschen Historikern" und "einzigen Historiker unter den deutschen Geschichtsphilosophen" für seinen verstiegenen Umgang mit historischen Fakten zu entschuldigen, hat sich Möller erst recht in die Bredouille gebracht. Er wird sich jetzt umso dringlicher fragen lassen müssen, wo er die Grenze zwischen wissenschaftlich zulässiger Interpretation und Spekulation in einem so sensiblen Bereich wie der NS-Forschung zieht. Er kann nicht einerseits mit Nolte das kühle Pathos der Wertfreiheit bei der Sicht auf "die Tatsachen" beschwören und die Verächter "streng wissenschaftlicher" Objektivität der ideologischen Voreingenommenheit zeihen, dem "Geschichtsdenker" aber andererseits die Freiheit einräumen, historische Faktizität nur insoweit zu berücksichtigen, wie sie dessen begriffsgeschichtlichen Umdeutungsobsessionen genehm ist.

Ernst Nolte hat Möller seine Rettungsbemühungen jedenfalls schlecht gedankt. Er nutzte seine Dankesrede dazu, ganz unbeeindruckt von seinem eigenen wissenschaftlichen Objektivitätspostulat die Abkehr von einer "negativ-germanozentrischen Interpretation" der NS-Vergangenheit und von "kollektivistischen Schuldzuschreibungen gegen Deutschland" zu fordern. Er verblüffte das Auditorium mit der Aufforderung, man solle das geplante Holocaust-Mahnmal in Berlin entgegen der Intention seiner Erbauer so ansehen, "als wäre es allen Opfern der Ideologiestaaten des 20. Jahrhunderts gewidmet". Ohne Rücksicht auf die Qualen, die sein Laudator darob auszustehen hatte, ritt Nolte starrsinnig auf seiner Lieblingsthese vom "rationalen Kern" des Hitlerschen Antisemitismus herum.