Wer sich nicht durchsetzen kann, muss biegsam sein, zumal wenn er Chef der Gewerkschaft ÖTV ist. Er werbe dafür, "das Ergebnis anzunehmen, weil es unter den gegebenen Umständen das Optimale war", sagte Herbert Mai über jenen Schlichterspruch, der den Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst befrieden sollte. "Mehr war nicht herauszuholen." Doch die Funktionäre der Tarifkommission wollten partout mehr, folgsam schwenkte Mai um. "Unannehmbar" findet er nun das Arbeitgeberangebot, das exakt dem Vorschlag der Schlichter entspricht. Und irgendwann in den kommenden Wochen wird Mai einen bestenfalls marginal veränderten Kompromiss als "tragfähig" verkaufen müssen, was bleibt ihm auch anderes übrig?

Einen langen Massenstreik kann sich die ÖTV nicht leisten

So ist das, wenn man renitenten Funktionären und einer kaum berechenbaren Basis zu Willen sein will. Die entscheidet in diesen Tagen per Urabstimmung über einen Streik. So oder so wird sie ihren Vorleuten Pein bereiten. Werden die notwendigen 75 Prozent Zustimmung nicht erreicht, ist die Blamage perfekt, die ÖTV muss den Schlichterspruch kleinlaut akzeptieren. Im wahrscheinlicheren Fall aber droht ein Arbeitskampf, mit dem außer ein bisschen Seelenpflege nicht viel zu bewirken sein wird.

Dass es so weit kommen konnte, passt zum bisweilen chaotischen Bild der ÖTV.

Auch kernigere Vorsitzende wie Heinz Kluncker und Monika Wulf-Mathies taten sich schwer, den komplizierten Apparat in den Griff zu bekommen. Allzu amorph ist die Mitgliederstruktur

die Einsicht in ökonomische Zwänge ist gerade im öffentlichen Dienst nicht übermäßig ausgebildet. Schwer traumatisiert ist die ÖTV noch immer vom letzten großen Streik vor acht Jahren. Damals erkämpfte sie nicht mehr als das, was die Schlichter ohnehin vorgeschlagen hatten

die Basis lehnte das Ergebnis in einer Urabstimmung kühl ab, die entnervte Führung unterschrieb trotzdem. Monika Wulf-Mathies wurde beim folgenden Gewerkschaftstag mit einem schlechten Wahlergebnis abgestraft und machte sich bald darauf dankbar zur Europäischen Kommission nach Brüssel davon.