Sie heißt Irmgard Fenkle, wurde 1925 in Ulm geboren und wuchs gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Hildegard, die zehn Minuten früher das Licht der Welt erblickte, in Berlin auf. Die zehn Minuten waren entscheidend: Hilde wurde, wie ihre Schwester es ausdrückt, "ein Weltstar in Deutschland", Irm nicht. Weil Fenkle zu schwäbisch klang, lasen die Kinderstars den Namen rückwärts, El Knef, das war zwar maskulin, aber eindeutig Singular, und da der Zwillingsmarkt ohnedies abgedeckt war durch Alice und Ellen Kessler, beschloss die Ältere, hinfort alleine Karriere zu machen.

Aber Irmgard ist immer dabei, das hässliche Entlein zum strahlenden Schwan - bei der Ufa, der Sünderin, in Hollywood, in New York -, und manchmal fällt die Krume vom Tisch: Während Hilde am Broadway Triumphe feiert (mit Cole Porters Silk Stockings), quält sich Irmgard mit der Kinderversion Pippi Seidenstrumpf off-off-Broadway - "das war so off, dass es schon in New Jersey war". Irgendwann gibt sie auf, verkriecht sich mit viel Wodka in ihrer Wohnung in Berlin-Kreuzberg und bläst nur noch Trübsal ("Karl Otto Trübsal, der wohnte einen Stock höher").

Hilde verleugnet die Schwester und zahlt Schweigegeld, jahre-, jahrzehntelang, und erst jetzt, auf ihrer beider alten Tage, wo die Schecks ausbleiben, macht Irmgard den Mund auf und so bald nicht mehr zu. Sie packt aus: ihre Lieder, ihre Bücher, alles hat Hilde usurpiert, umgetextet, umgetitelt (der Gebuchte Hengst wurde zum Geschenkten Gaul), sogar ihre Stimme und ihre Gesangstechnik kopiert.

Spricht's und beweist's auf der Stelle: "Kindchen, fahr ab" (gemeint ist der Tontechniker), und wir glauben unseren Ohren nicht zu trauen. Da ist alles, was wir kennen und lieben, nur anders: das rauchig-raue Timbre, die verschluckten Endsilben, das beseelte Bibbern - die größte Sängerin ohne Stimme, hat Ella Fitzgerald gesagt, nur: Welche von beiden hat sie gemeint?

Die berühmten Lieder, pfiffig umarrangiert und neu betextet, spiegeln nunmehr Irmgards Scheitern statt Hildegards Glanz. "Auch ich wollt' Autogramme geben", singt sie, und an regnende Rosen, gar an rote, wagt sie nicht mal zu denken.

Na, und wie sie aussieht: die blonden Haare, die dick getuschten, viel zu langen Wimpern hinter der dunkel getönten, viel zu großen Brille, auch der Mund ist zu groß, dafür die Nase zu klein - ein richtiges Gesicht halt. Sie sieht aus wie ihre Schwester, singt, spricht, bewegt sich wie sie, nur der Hosenanzug, der ist wohl nicht von Balmain. Aber der Geschmack liegt in der Familie - alles ist gleich, nur das Leben nicht.

Eine traurige Biografie: immer im Schatten, immer die B-Seite. Wenn die eine Paul von Schell heiratet, muss sich die andere mit Paule von der entsprechenden Tankstelle begnügen