Mein amerikanischer Verleger bestand darauf, dass ich bibliografische Angaben in einer mir verhassten Weise vorzunehmen hätte: Nach einem Zitat sollte ich nur den Nachnamen des Autors nennen, das Jahr der Veröffentlichung und die Seitenzahl; die vollständigen Angaben wären am Schluss des Buches nachzureichen. Um mich an meinem Verleger zu rächen, verfuhr ich auf dieselbe Weise mit Zitaten aus der Bibel. Neben Verweisen wie "Vgl. Habermas 1987, 236" enthielt mein Manuskript auch Angaben wie "Zum Begriff des Bösen vgl. auch die interessanten Beobachtungen von Christus 33, 214", die ich dann im Literaturverzeichnis folgendermaßen erklärte: "Christus, Jesus (33), Gesammelte Reden und Gedanken, herausgegeben von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, Jerusalem."

Der Verleger war außer sich vor Wut. Doch während er mir vorwarf, ich wäre blasphemischen Verlockungen erlegen, machte ich geltend, dass ich, indem ich Christus genauso behandle wie jeden anderen Autor, mich zutiefst christlich verhalten würde. Wie ist das zu verstehen? Wie Boris Groys kürzlich angemerkt hat, ist Christus der erste und einzige Gott, der wie ein Ready-Made beschaffen ist: Aus demselben Grund, aus dem Duchamps Flaschenständer nicht deshalb Objekte der Kunst sind, weil sie innere Qualitäten aufweisen, sondern weil sie einen Ort im Ausstellungskontext besetzen - aus demselben Grund ist Christus nicht deswegen ein Gott, weil ihm göttliche Eigenschaften zukommen, sondern weil er als ganz und gar menschliches Wesen den symbolischen Ort besetzt, der ihn als Sohn Gottes erscheinen lässt.

Das Judentum wird oft als eine Religion des Über-Ich angesehen (als eine Unterwerfung der Menschen unter den eifersüchtigen, gewaltigen und strengen Gott), und zwar im Gegensatz zum christlichen Gott der Gnade und der Liebe - doch in Wirklichkeit verhält es sich gerade umgekehrt. Denn gerade weil Er nicht von uns verlangt, für unsere Sünden zu zahlen, gerade weil Er für uns bereits alles gegeben hat, seinen Sohn, offenbart sich der christliche Gott als die Instanz des Über-Ich schlechthin: "Ich zahlte den höchsten Preis für eure Sünden, und deswegen steht ihr für immer in meiner Schuld ..." Ist dieser Gott als Instanz des Über-Ich, dessen Gnade in heimtückischer Weise eine untilgbare Schuld über die Gläubigen bringt, wirklich die Ultima Ratio des Christentums? Ist die in Christus sich zeigende Liebe Gottes nur ein anderer Name für die göttliche Gnade? Oder ist sie auch anders zu verstehen? - Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich auf die Frage nach dem Wesen der christlichen Liebe noch drei kurze Bemerkungen voranschicken.

1.Universalismus und Exklusion: Die Idee des christlichen Universalismus erscheint als wesentlicher Aspekt göttlicher Gnade. Dabei stellt sich keineswegs nur die Frage, ob diese Art totaler und indifferenter Gnade nicht den universalen Anspruch unterläuft (man erinnere nur den Ausspruch des Johannes: "Es gibt weder Mann noch Frau, weder Juden noch Griechen"). Vielmehr fragt sich, ob gerade die Verankerung der Gnade in der Instanz des Über-Ich den aus ihr abgeleiteten Universalismus nicht scheitern lässt. In anderen, partikularen Religionen (selbst im Islam) gibt es durchaus einen Ort für die Anderen. Demgegenüber meint das christliche Motto "Alle Menschen sind Brüder" auch, dass jene, die nicht meine Brüder sind, auch keine Menschen sein können. Christen halten sich zugute, die jüdische Vorstellung vom auserwählten Volke überwunden zu haben und deswegen einen uneingeschränkten Humanismus zu vertreten - während die Juden in ihrem Glauben, sie seien das "auserwählte Volk" mit einer direkten Verbindung zu Gott, durchaus die Menschlichkeit derjenigen anerkennen, die an einen falschen Gott glauben. Der christliche Universalismus neigt dazu, alle Falsch- und Nichtgläubigen aus der Gemeinschaft der Menschheit auszuschließen.

2. Innere Reise und äußer(st)e Erfahrung: Das Judentum gründet in der Erfahrung einer abgründigen Andersheit, in dem Begehren des (großen) Anderen: Juden begegnen ihrem Gott als einer unergründlichen Andersheit, deren befehlender Ruf sie aus den Bahnen ihrer alltäglichen Existenz wirft. Dies unterscheidet das Judentum nicht nur vom Heidentum und Gnostizismus, sondern auch vom Christentum: Überwindet es nicht die (radikale) Andersheit des jüdischen Gottes zugunsten einer Liebe, durch die sich Gott mit dem Menschen versöhnt, und zwar auf dem Wege der Menschwerdung Gottes? Beide, Heidentum und Gnostizismus, betonen die innere Reise bei der spirituellen Selbstreinigung, die Wiederentdeckung des Selbst, und zwar im Unterschied zur jüdischen Vorstellung einer externen und traumatischen Begegnung (der göttliche Ruf an das jüdische Volk, Gottes Befehl an Abraham, den eigenen Sohn zu töten - all dies ist unvereinbar mit unseren Intuitionen und unserem ethischen Selbstverständnis). Kierkegaard lag hier ganz richtig: Sokrates versus Christus, muss es immer noch heißen, die innere Reise der (Wieder-)Erinnerung versus die Wiedergeburt durch den Schock einer äußeren Begegnung.

3. Rätsel und Menschwerdung: Um das Christentum angemessen in dem eben beschriebenen Verhältnis zwischen Innerlichkeit und Äußerlichkeit zu verorten, sollte man sich an einen berühmten Ausspruch Hegels über die ägyptische Sphynx erinnern: "Das Rätselhafte der ägyptischen Antike für uns war ebenso rätselhaft für die Ägypter selbst." In genau diesem Sinne ist der für uns unergründliche Gott ebenso unergründlich für sich selbst; Er hat eine dunkle Seite, etwas, das in Ihm mehr ist als Er selbst. Vielleicht erklärt dies den Übergang vom Judentum zum Christentum: Das Judentum bleibt vor dem Rätsel Gottes stehen, während das Christentum zu dem Rätsel in Gott selbst vordringt. Der christliche Logos, die göttliche Offenbarung in und durch die Welt, und das Rätsel in Gott sind nur die zwei Seiten ein und derselben Sache. Und zwar, weil Gott in und für sich selbst ein Rätsel ist, weil er die unergründliche Andersheit in sich selber trägt. Genau deswegen musste Christus erscheinen; nicht nur, um Gott der Menschheit zu offenbaren, sondern auch, um als Gott für sich selbst erscheinen zu können - nur durch Christus kann sich Gott als Gott überhaupt erkennen.

Damit kommen wir zurück auf die Frage nach der christlichen Liebe. Die Unergründlichkeit Gottes für sich selbst zeigt sich auch in dem verzweifelten Ausruf von Christus, seinem "Vater, warum hast du mich verlassen?". Die totale Verlassenheit, der totale Rückzug Gottes in sich selbst, ist der Punkt, an dem Christus ganz zum Menschen und die Kluft zwischen Gott und Menschen in Gott selber aufgehoben wird. Diese christliche Vorstellung von der Beziehung zwischen Menschen und Gott verkehrt das heidnische Vorurteil, wonach die Menschen nur durch spirituelle Reinigung zu Gott gelangen und die "unteren" leiblichen Aspekte der Existenz verdrängt werden müssen, um sich in göttliche Höhen zu erheben. Denn gerade wenn ich mich als abgeschnitten von Gott erfahre, im Moment äußerster Entfernung zu Gott - bin ich Ihm am nächsten, weil ich mich in der Lage des verlassenen Christus wiederfinde. Es gibt keine direkte Identifikation mit der göttlichen Herrlichkeit: Ich identifiziere mich mit Gott nur über die Identifikation mit der einzigartigen Figur des von Gott verlassenen Gottes-Sohns.