Alle waren sie da, alles, was Rang und Namen hat. Das "Commando Bochum" in der Westkurve, ein paar Reihen darüber die "Brigade Bilk". Die "Sexy Boys" aus Essen auf der Haupttribüne, und natürlich die unvermeindlichen "Ruhrpott-Rambos". Ihre Transparente zitterten in einer sanften Brise, die am Montagabend durchs Lütticher Fußballstadion strich. Viel Bewegendes kam danach nicht mehr. Nowotny rackerte, Scholl schoss, Bierhoff fast, Matthäus lief rot an. Am Ende stand es 1:1, der Bessere hatte gewonnen. Ob die deutsche Mannschaft noch ins Viertelfinale möchte? Wird es sich Lothar noch einmal antun? Von den Qualitäten der "Turniermannschaft" Deutschland ist wieder die Rede.

Wenn man genauer wissen will, was es damit auf sich hat, könnte man, zum Beispiel, ins rheinische Troisdorf fahren. Das liegt ja ohnehin fast auf dem Weg des ZEIT-Mobils von Hamburg nach Belgien. In Troisdorf steht ein Haus mit weiß getünchter Fassade und blauen Fenstern. Drückt man auf den Klingelknopf mit der Beschriftung "Herr Overath", öffnet ein sehniger, braun gebrannter Mann, der mit kehliger Stimme in den Hausflur singt: "Erst mal 'nen Kaffee, was?" An seine Bürowand hat er die Titelseite einer alten Zeitung gehängt, die Wolfgang Overath mit der Überschrift ehrte: "Der beste Turnierspieler der Welt". Na bitte. Hier muss der richtige Gesprächspartner sein, um den "Turniergeist" der deutschen Nationalmannschaft zu ergründen.

"Auch heute", sagt er, "stehen mir Fußballer nahe, von denen ich denke, dass sie Fußballer sind." Fragt man ihn, welchen deutschen EM-Spieler er damit meint, dann denkt er lange nach und ruft mit einem Mal: "Thomas Häßler!" Der Techniker, der Flankengeber, der Spielmacher. Häßler ist zwar nicht mehr der Jüngste, und im letzten ernst zu nehmenden EM-Vorbereitungsspiel der Deutschen, dem gegen die Tschechen, hielt er nur eine Viertelstunde das selbst verordnete Tempo durch.

Am Montag gegen die Rumänen demonstrierte Häßler knapp 70 Minuten, dass man ihn für einen Spielmacher halten darf, der sich seinen Kosenamen zu erschwitzen weiß. "Icke" rief die Kurve schon, bevor Häßlers 100. Länderspiel begann. Die heldenhungrigen Fans mögen einen wie ihn, vielleicht, weil er nur 1,68 Meter groß ist und sich so gefreut hat über die späte Neuberufung zum Nationalspieler. Vielleicht, weil er versprochen hat, es allen noch einmal zu zeigen. Als im Lütticher Stadion die Nationalhymne schepperte und der kleine Häßler die Brust in Achselhöhe der Einsfünfundachtziger spannte, dann sah das nicht so komisch aus, wie man denken mag. Eher wie eine listige Untertreibung, wie das personifizierte Comeback, zumindest wie eine klein geratene Illusion davon. Thomas Häßler, sagt der einstige Spielmacher Overath, gehöre zu "den Typen, die mit dem Ding was anfangen können, dem runden Ding, Sie wissen schon."

Es bimmelt. "Tschuldigung." Overath nimmt eines der Telefone, die er wie Zinnsoldaten auf seinem Schreibtisch aufgebaut hat. "Ja, ich werde kommen!", ruft er in den Hörer. Vier Dutzend verdienten Managern soll er in einer "Motivationsveranstaltung" vor dem Großbildschirm in einem Hotel die Spiele der Deutschen deuten. Als er auflegt, während ein anderes Telefon schrillt, stöhnt er kokett: "So geht das immer hier. Fürchterlich."

Der Wille zählt, der Biss, die Bewegung ohne Ball

Nach dem Spiel am Montagabend pfiffen die deutschen Fans minutenlang. Sie wussten das Festival der vermurksten Chancen zu würdigen. "Ziemlich weit kann die deutsche Mannschaft bei der EM kommen", meint Overath, "wenn wir uns ins Zeug legen." Er hüpft von seinem Stuhl und verschraubt die Arme zu einem Gebilde, in dem man mit etwas Fantasie die Konturen eines Tores erkennt. "Kämpfen müssen wir. Und wenn wir kein Glück haben und das Ding eben siebenmal vors Torkreuz hauen, dann macht uns niemand dafür kaputt. Weil wir kämpfen!" Seine Arme rudern. "Der Wille zählt!" Das klingelnde Telefon muss jetzt warten. "Biss!" - "Bewegung ohne Ball!" Damit die Satzfetzen in ihrer ganzen Tragweite verständlich werden, schreit Wolfgang Overath sie so kräftig heraus, dass die anschwellende Halsschlagader das versteckt getragene Christuskreuz über den Kragen seines T-Shirts schiebt.