Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein amerikanischer Mafioso, der Held von Goodfellas in fortgeschrittenem Alter etwa, John Travolta aus Pulp Fiction als Familienvater oder der Enkel des Paten als Mann in den Vierzigern, ein ganz normaler amerikanischer Mafioso aus New Jersey also gerät in eine seelische Krise und muss sich psychotherapeutisch behandeln lassen. Aus dem Gegensatz zwischen der innerlichen sublimen Kultur der Psychoanalyse und der bäuerischen Dramatik des mafiosen Alltags bezieht die ZDF-Serie Die Sopranos genug Variation und Komik, um 13 Folgen spielend durchzuhalten. Man gewöhnt sich an diesen Anthony Soprano mit seinem feisten, aber doch empfindsamen Bauerngesicht, an seinen phlegmatischen Sohn, seine beflissene Tochter und seine intelligente Frau, und immer wieder macht man beim Betrachten des Trailers den Weg mit ihm durch Little Italy hindurch, am Salami-Shop vorbei und den Spielhöllen, bis zum N. J. Turnpike und dann zu seinem schönen Heim in einem gehobeneren weißen Wohnviertel. Die Figuren werden einem vertraut, der Killer Big Pussy Bompensiero mit seinen Rückenschmerzen, der Neffe Christopher, ein ehrgeiziger Killer, der ein Drehbuch über die Mafia zu schreiben versucht, und der seltsame Onkel Junior, Bruder von Tonys Vater, der die mafiose Gang im Hinterland des Big Apple scheinbar führt. Zwischen den beiden Welten des Tony Soprano gibt es dann noch die kleinen Geliebten, mit denen er es treibt, eine hysterische junge Russin zum Beispiel, und sein Heim, die Kinder und seine Frau, die wiederum eine gut katholische platonische Beziehung zu einem Priester hat.

In bestimmten Momenten passiert es aber, quer zu alldem, dann ist es nicht mehr dramatisch oder sublim oder vertraut - dann wird einfach nur gemordet, handwerklich geschickt und ohne Gnade. Das macht die Irritation dieser Serie aus. Als durchschnittlicher Mitteleuropäer hat man zwar schon viele Morde auf dem Schirm gesehen, aber selten werden sie von Menschen begangen, die zum vertrauten nachmittäglichen oder abendlichen Umgang der Serienfiguren gehören. Was wäre, wenn Fred Feuerstein Barney Geröllheimer mit einem Stein erschlüge, einfach so, im Streit? Oder Al Bundy seine Frau? So nahe er dem auch gelegentlich kommen mag, wir können uns daruf verlassen, dass ihr letztlich nichts geschieht.

Dieser Mann tut alles, was politisch korrekte amerikanische Bürger abzulehnen gezwungen sind, er raucht Zigarre, trinkt, vögelt mit allen möglichen Mädchen und tötet, wenn ihm jemand auf die Nerven geht. Das ist eine Ebene, auf der diese Serie wohl ihren Erfolg hat, schwächlich bewundert man das alte Bild vom rustikalen Bauern, der das Leben lebt und den Tod überlistet. In den besten Szenen erinnert James Gandolfini als Soprano an Anthony Quinn in seinen Rollen als Wilder. Am Tiefpunkt seiner seelischen Krise halluziniert der Boss, dass er als Baby an der Brust einer wunderschönen Bäuerin-Königin-Madonna namens Isabella liegt. Mimetisch reinigt er sich von seinen Sünden durch Wiederholung der Urszene, nicht durch Selbsteinsicht. Es ist eine Welt, in der es nur noch zwei Mächte gibt, den einen steht ihr Beruf ins Gesicht geschrieben, die anderen tragen ihn in Großbuchstaben auf der Kampfuniform: FBI. Es ist ein Bild des neoliberalen Bürgerkriegs, vielleicht ist es auch eine Vorahnung auf Zustände, die wir noch erleben werden im Rahmen der Deregulierung staatlicher Funktionen, das neue Mittelalter.

Man kann sich mit den Sopranos auch für diese Art Zukunft wappnen. Und man ahnt, dass es eine neue mediale Bilderkultur geben könnte, die sich um die mehr und weniger sublimen europäischen Traditionen rankt, eine Art Surrealismus aus katholischer Religion und Psychoanalyse, mit dem sich die Menschen dann wappnen werden für einen harten Tag. Bei den Latinos in Nordamerika, wo die Santeria-Kulte blühen, ist es schon so weit. Vielleicht ist das nur der Anfang, und vielleicht können die Kulturen, die den Kapitalismus nicht erfunden haben, mit seinen Folgen viel besser leben als die white Anglo-Saxon protestants, weil sie keine verinnerlichte Moral haben, aber das Korrektiv durch eine Großfamilie, eine expressive und mimetische Seelenkultur besitzen und eine Verankerung in den Lehren und Bildern der ältesten Organisation der Welt, der katholischen Kirche. Und der militärische Arm dieser Subkultur ist die Mafia.

Vor der Ausstrahlung des letzten Drittels der Staffel (ab 18. Juni 23.00 Uhr) dieser faszinierenden Serie stellt sich die Frage, warum Die Sopranos in ihrem Ursprungsland USA, wo sie auf dem exklusiven HBO- Kanal gesendet werden, Kultstatus haben, während sie in Deutschland, exzellent und einfühlsam synchronisiert, bisher noch nicht den erhofften Quotenerfolg hatten?

Womöglich sind wir Deutschen einfach noch nicht so weit, die Vorzeichen der neuen Weltunordnung zur Kenntnis zu nehmen. Wir betrachten unseren Staat weiter nicht als globales Einwanderungsland, und wenn getötet wird, sehen wir die Grauen des Zweiten Weltkriegs, nicht den weltweiten Bürgerkrieg des neuen Mittelalters.

Aber wer sich wappnen will, der sollte zu den Sopranos konvertieren, noch ist es Zeit, das letzte Drittel der Serie läuft gerade erst an, und dramatischer denn je stellt sich die Frage, ob Tonys Mutter es nicht doch noch schaffen wird, ihren Sohn kleinzukriegen.