Es ist ein Kreuz mit der Liebe. Und das Kreuz heißt Sex. Im Filmtitel Romance steckt ein frommer Wunsch - und ein falsches Versprechen. Beides wird umgehend gestrichen, besser gesagt durchgestrichen. Auf dem Plakat und auch im Vorspann sind quer über den Titel ein bis drei große rote "X" gedruckt. Darin darf man ruhig jene "X" erkennen, mit dem üblicherweise pornografische Filme etikettiert werden. Die reine Körperlichkeit durchkreuzt das romantische Gefühl. So muss man es sehen. So wird es jedenfalls gezeigt in Catherine Breillats Romance , einem Traktat über die Unvereinbarkeit trennt von Geist und Körper in sexuellen Dingen. Mit einem Köcher voller Thesen und befeuert von aufklärerischem Furor, zieht die Regisseurin zu Felde für ganzheitliches Glück und gegen erotischen Purismus. Der "Kreuzzug" ihrer Filmheldin Marie endet im Kreißsaal. Während sie einen Jungen gebiert stirbt ihr starrsinniger Freund zu Hause in einer Explosion. Der Alte Mann ist tot. Es lebe der Neue.

Bevor es übrigens zu Missverständnissen kommt: Catherine Breillat will keinesfalls Männer beschimpfen, Frauen dagegen bloß beweinen. Es kriegen alle ihr Fett ab, wenn auch mitunter genau so, wie man's sich vorher schon hätte denken können. Die Rigorosität allerdings, mit der die Regisseurin ihre Marie einer erotischen Dauerprüfung unterzieht, macht was her. Hier geht's zur Sache; hier werden nicht nur die Ärmel hochgekrempelt, sondern alle Kleider abgelegt, und das männliche Geschlechtsorgan rückt ausdauernd ins Bild. Das hat Signalwirkung. Überall, wo Romance ins Kino kommt, wird der Faktor X besonders diskutiert. Und Catherine Breillat selbst erzählt immer wieder gern, dass sie ihrer Crew die Mitwirkung des professionellen Pornodarstellers Rocco Siffredi erst am Vorabend seines Einsatzes gestehen wollte - aus Angst, sie könnte von den eigenen Mitstreitern unter Pornoverdacht gestellt und im Stich gelassen werden.

Marie (Caroline Ducey) will gefickt werden - von Paul (Sagamore Stévenin), den sie liebt. Paul aber fickt sie nicht mehr - seit er sie liebt. Erotische Signale sendet er höchstens noch an fremde Frauen. Bei seiner eigenen schaut er verächtlich herab auf die rohe Begierde. Marie verzweifelt über Pauls Trennung von Leib und Seele und kopiert sie zugleich in den Affären, die sie selbst anstrengt, um "ihr Loch gestopft" zu bekommen. Erst schläft sie mit dem Latin Lover Paolo (Rocco Siffredi); doch sobald der nicht nur ihren Körper rührt, sondern auch ihr Herz, zieht sie weiter und lässt sich von ihrem Vorgesetzten, dem Schuldirektor Robert (Francois Berléand), zärtlich fesseln - wobei ihr Selbsthass parallel zur sexuellen Befreiung wächst. Paul ahnt den Betrug und will Marie nun wieder selbst "besitzen". Er schwängert sie gleich beim ersten Mal, was abermals die Einstellung allen partnerschaftlichen Sexes zur Folge hat, denn mit der Mutter seines Kindes mag Paul nun erst recht keine Unzucht mehr treiben.

Unterleibe im feuchten Dunkel, der Rest im reinen Licht

Ausführlich beobachtet Breillat diverse Bett- und Bondage-Szenen, noch ausführlicher spricht Marie im Off-Kommentar über Wohl und Wehe ihrer sexuellen Odyssee. Da auch die Männer über Theorie und Praxis des Eros laut nachdenken, kommt über eineinhalb Stunden ein beeindruckender Berg von Einschätzungen zusammen. Hier ein winziger Ausschnitt: "In der körperlichen Liebe stößt das Triviale mit dem Göttlichen zusammen", sagt Robert; "Warum werden Frauen von den Männern, die sie verachten, besser verstanden als von denen, die ihnen gefallen?", fragt Marie; "Ein Mann, der seine Frau zu verlieren fürchtet, jagt ihr nach. Männer brauchen die Jagd", sagt Paul. Um solche Sätze in angemessenem Ambiente großzuziehen, schafft Breillat so oft es geht ein symbolträchtiges Umfeld. Die Wohnung von Paul und Marie ist in klinischem Weiß gehalten, nach der entfesselnden Fesselung durch ihren schwarz möblierten Oberlehrer (!) darf die Heldin dann Rot tragen, nachts träumt sie von einem Bordell, wo Frauen ihren Unterleib im feuchten Dunkel anonymen Schwänzen zur Verfügung stellen, während ihre obere Körperhälfte im hellen Licht unter der Fürsorge des Geliebten steht. Auch diese Vision wird übrigens eindeutig abgebildet und macht ordentlich Effekt.

Romance zehrt von Effekten wie diesem, indem er seine Freizügigkeit als Fortschrittsgeste verkauft. Je länger ein männliches Geschlechtsteil im Bild steht, desto weiter scheint Catherine Breillat auf unerforschtes Gelände vorzustoßen. Dabei verbirgt das Scharmützel an der Schamgrenze, dass die eigentliche Schlacht des Films längst geschlagen ist. Über ein Mannsbild wie Paul, der Frauen sauber in Huren und Heilige teilt, ist längst der Bann gesprochen. Dass Frauen sich zu sehr opfern, ist mittlerweile ebenso unstrittig wie die Toleranz gegenüber einem gepflegten Sadomasochismus. Die Sexualität muss nicht mehr befreit werden, jedenfalls nicht im Rahmen eines abstrakten, künstlich aufgeheizten Modell-Arrangements. Wer dem erotischen Ungeist auch nach dem ideologischen Sieg der sexuellen Revolution noch filmisch entgegentreten will, der muss den Kampf dort neu aufnehmen, wo er noch lohnen mag: in der Wirklichkeit, anhand ganz konkreter Geschichten. Ein Planspiel mit beredten Pappkameraden vor Signalfarbenkulisse ist Lehrmaterial von gestern.

Das Missverhältnis zwischen der vorausstürmenden Offenheit des Films und seiner hinterherzockelnden Weisheit fällt wohl auch deshalb so stark auf, weil in Frankreich längst das Nachfolgemodell zu Catherine Breillats Aufstand für die Heiligkeit des Fleisches und die Vorzüge der Schamlosigkeit im Handel ist. Michel Houellebecq beschäftigt sich in seinen Romanen Elementarteilchen und Ausweitung der Kampfzone nicht länger mit der Aussaat der sexuellen Freiheit, sondern schon mit deren fragwürdiger Ernte. Bei ihm geht es um den Ärger zwischen Sex und Seele inmitten einer durcherotisierten Gesellschaft, der Romance noch munter entgegenstrebt. Man muss Houellebecqs fleischesflüchtigen Pessimismus nicht teilen. Er hat aber zweifellos weit mehr mit der Gegenwart zu tun als Breillats Entfesselungs-Fantasie. Wo Houellebecq einen Ausblick wagt, wagt sie nur einen Anblick. Damit kommt sie weit unter die Gürtellinie, aber kaum darüber hinaus.