Sie waren ausgezogen, um die Sklaverei zu bekämpfen und das Licht der Zivilisation auf den "dunklen Kontinent" zu tragen, moderne Kreuzritter, entsandt von Leopold II. Doch die Kolonialisten des belgischen Königs brachten nicht Humanität nach Afrika, sondern Barbarei. Sie raubten und mordeten, sie vergewaltigten, kreuzigten und verstümmelten. Und das Licht der Zivilisation war der Feuerschein auf den Strohhütten, die sie niederbrannten.

Im November 1908, als Leopold II. sein Privatimperium an den Staat Belgien abtreten musste, wurde eines der "mörderischsten Kapitel des europäischen Kampfes um die afrikanische Beute" geschlossen. Dieses Urteil fällt der amerikanische Historiker Adam Hochschild in seiner Studie über die Unterwerfung und Plünderung des Kongo, und die geschätzte Zahl der Opfer unterfüttert es: In den Jahren der leopoldinischen Fremdherrschaft von 1884 bis 1908 wurde die Bevölkerung des Kongo vermutlich um die Hälfte dezimiert - zehn Millionen Menschen, umgekommen an den Folgen von Gewaltexzessen, Zwangsarbeit, Hunger, Verschleppung.

Aber an exakten Zahlen und Beweismaterial mangelt es. Denn im August jenes Jahres 1908 brannten in Brüssel acht Tage lang die Öfen der kolonialen Verweser, und der größte Teil der offiziellen Dokumente war vernichtet. "Ich werde ihnen meinen Kongo geben", hatte Leopold II. verfügt, "aber sie haben kein Recht zu erfahren, was ich dort getan habe." 1909 starb der Monarch.

Dann, im August 1914, überfielen die Deutschen Belgien. Die "Kongo-Gräuel", der erste Massenmord im 20. Jahrhundert, verblasste im Gedächtnis Europas, und nach dem Ersten Weltkrieg wurde er als unschöne Episode bei der "Balgerei um Afrika" bagatellisiert.

Verharmlosend wirkt leider auch der deutsche Titel - Schatten über dem Kongo - von Hochschilds packender Nacherzählung der Geschichte eines großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechens. King Leopold's Ghost heißt es im Original, und es geht um jenen Herrscher, dessen grenzenlose Gier nach Macht, Ruhm und Reichtum so viel Unglück über Afrika brachte. Leopolds Mann im Kongo war der berühmteste (und brutalste) Afrika-Eroberer seiner Zeit: Henry Morton Stanley. Der klagte zwar über die "ungeheure Gefräßigkeit" des Potentaten, stahl ihm aber gleichwohl ein Reich zusammen, das 76-mal so groß war wie Belgien. Derselbe Stanley fühlte sich bei der von Reichskanzler Bismarck angeregten Berliner Konferenz 1884/85 an Schwarze erinnert, "die sich mit gezücktem Messer auf ein Wild stürzen". Das Wild hieß Afrika, und die Jäger waren Weiße. Die Großmächte Europas einigten sich, Leopold II. den Kongo zu überlassen, und der deklarierte im Gegenzug sein Tropenreich zur Freihandelszone.

Zunächst richtete sich die Begehrlichkeit auf Elfenbein, dann, ab 1890, auf Rohkautschuk. John Dunlop hatte gerade den Pneu erfunden, und mit der Nachfrage nach Autos und Fahrrädern explodierte der Bedarf an Gummi, dessen Grundstoff aus dem "Holz, das weint", gezapft wird. Leopolds riskante Investition begann sich bald auszuzahlen: Bis 1904 stiegen die Gewinne aus dem Kautschukhandel im Kongo um das 96fache. Schon bei der Eroberung des riesigen Territoriums war der Blutzoll hoch gewesen. Niemand weiß, wie viele Träger während der Raubexpeditionen durch die Wildnis starben. Bekannt ist aber die offizielle, also schöngefärbte Zahl der Toten beim Bau der Eisenbahn von Matadi nach Stanley Pool: 131 Weiße und 1800 Nichtweiße. Der Gummiboom löste schließlich einen Massenmord auf Raten aus. "Wenn man im Distrikt Kautschuk sammeln will, dann muss man Hände, Nasen und Ohren abschneiden", empfahl ein Verwalter. Die Kolonialbeamten und ihre Söldnertruppe namens Force Publique trugen den Terror in die hintersten Urwalddörfer. Tausende, die sich weigerten, Zwangsarbeit zu leisten, oder das Sammelsoll für Kautschuk nicht erfüllten, wurden gefoltert, verstümmelt, erschossen oder mit der chicotte, der Nilpferdpeitsche, totgeschlagen.

Natürlich wollte Leopold II. von alledem nichts wissen, und Europa glaubte immer noch an die philanthropischen Motive seiner Mission. Legten seine wackeren Militärs nicht den afroarabischen Sklavenhändlern das Handwerk?