Die Kunst der Unterhaltung hat ihre eigene Geschichte, nicht unbedingt eins mit der Geschichte der Kunst insgesamt. Wir lieben die Tragödien und Komödien der Antike, das Theater Shakespeares und Molières und der anderen Klassiker, das die Menschen aller Zeiten zum Weinen und Lachen brachte. Aber wir begreifen wahrscheinlich nicht mehr so recht, was das Publikum an gewissen Rührstücken, die uns heute eher drollig erscheinen, oder an Hanswurstiaden, die wir nur noch öde finden, denn bloß begeistert haben mag - so wie die kommenden Generationen wahrscheinlich ihre komische Not mit der allertraurigsten Titanic haben werden, von diversen Produktionen und Produkten unseres lieben Fernsehens ganz zu schweigen.

Immer gab es diesen Streit zwischen Kunst und Kitsch, ewigen Werten und Unterhaltung, doch immer auch etliche Künstler, die ihre Kunst als Unterhaltung verstanden haben, geschmäht von jenen, für die Kunst nur Aufklärung, nur Wahrheit sein durfte. Und so verspöttelte Heinrich Heine die Werke der Unterhaltungskünstlerin Charlotte Birch-Pfeiffer denn auch als "Saubohnen", die das Publikum mit "Wonne" verspeise, und Friedrich Hebbel stellte erbittert fest: "Mutter Birch schenkt Fusel ein und würzt ihn mit Spaniol (...) Sie speculirt auf die niederträchtigsten Theater-Effecte und sie erreicht ihren Zweck."

Doch gegen die schreibende Schauspielerin Charlotte Birch-Pfeiffer, die Mitte des 19. Jahrhunderts Europas Bühnen beherrschte, konnte er mit seinen Dramen nichts ausrichten. Mehr als vierzig Jahre lang kam kein Intendant, der an die Kasse denken musste, an ihrer holden Kunst vorbei. Selbst Theodor Fontane, der besonders unter ihrer Sprache, ihren ungeschickten Dialogen litt, gab zu, dass sie viel "Unterhaltliches und Bühnenwirksames" geliefert habe. Charlotte Birch-Pfeiffer, die seit ihrem dreizehnten Lebensjahr als Schauspielerin arbeitete, kannte die Bedürfnisse des Publikums genau und erfüllte alle Wünsche nach leichter, sentimentaler, spannender Unterhaltung.

Geboren vor genau 200 Jahren, am 23. Juni 1800 in Stuttgart, liest sie bereits mit neun Jahren ihrem erblindeten Vater täglich vor - keine schlechte Vorbereitung auf ihren späteren Beruf. Als tragische Liebhaberin hat Charlotte Pfeiffer ihr erstes festes Engagement am Münchner Hoftheater, und Gastspielreisen führen sie durch ganz Europa in Hamburg lernt sie ihren späteren Ehemann, den dänischen Schriftsteller Christian Andreas Birch kennen.

Nach einigen recht missglückten Versuchen, Romane und Erzählungen zu verfassen, arbeitet die junge Frau seit den dreißiger Jahren als Librettistin und Bearbeiterin von Libretti. Sie wird zur engsten Mitarbeiterin Giacomo Meyerbeers, dessen Hugenotten sie umschreibt und aus dessen Oper Ein Feldlager in Schlesien sie das Erfolgsstück Vielka macht - extra für das Gastspiel der schwedischen Sängerin Jenny Lind, Schwarm des Jahrhunderts, 1847 in Wien.

Meyerbeer hat auch später die meisten seiner Werke Birch-Pfeiffer anvertraut, der Erfolg gab ihm Recht, und er konnte nicht dankbar genug sein. Zu ihrem fünfzigjährigen Bühnenjubiläum als Schauspielerin schrieb er ihr: "Der Himmel erhalte Sie noch viele Jahre in würdiger Gesundheit, und in jener geistigen, unversiegbaren Schöpfungskraft, die so viele naturtreue, liebliche, unterhaltende, erheiternde wie rührende Gebilde schuf, in denen alle ein frischer Lebensstrom pulsiert. Das Publikum aller deutschen Bühnen ist Ihnen mit seltener Beständigkeit durch viele Decenien treu geblieben, und wird es auch gewiß noch lange bleiben, zur Freude der zahlreichen Freunde Ihrer Muse und zum Ärger jener Feinde und Neider, die Ihnen das todeswürdige Verbrechen Ihrer permanenten Erfolge nicht verzeihen können."

Darin ist Birch-Pfeiffer ihrem berühmten Vorgänger, dem Erfolgsdramatiker August von Kotzebue ähnlich: Publikum und Schauspieler lieben sie, von der Kritik und anderen Autoren wird sie weitgehend geschmäht. Die Jungdeutschen, jene Autorengruppierung, die zur Zeit des Vormärz ein intellektuelles, aufklärerisches Theater anstrebte, verspotten sie. Karl Gutzkow, der sich von der Frau Birch-Pfeiffer sehr angetan zeigt und in vielen Briefen galant mit ihr flirtet, wird bald zu einem leidenschaftlichen Gegner, der sich vorwirft, nicht schon früher gegen ihre Dramen gewütet zu haben: "Ich besaß früher die Selbstüberwindung nicht, in Ihnen das zu schätzen, was ich schätze: ich würde gegen Sie geschrieben haben (...) Ich that's nicht. Ich that's nicht - und Sie müssen wissen, daß das die Zeiten waren, wo Pfefferrösel und Hinko Ihren Namen berühmt gemacht hatten, Stücke, auf die Sie bei allem Stolz, den Sie haben dürfen, nicht stolz sein dürfen, unbedingt nicht."