Orgelmusik ertönt, und selig legt sich ein Lächeln auf die Gesichter. Die Stimmen dieser drei Dutzend Männer und Frauen erschallen kräftig, dabei stoßen sie klobige Wortbrocken aus: Zum Beispiel: "Seqernup Qungujulluni", was so viel heißt wie: "Die Sonne lacht." Oder kurz drauf: "Panna Qilassuaq."

Das meint "den großen blauen Himmel", der sich über diesem Flecken Erde ausbreitet - manchmal jedenfalls.

Heute ist es draußen nass und grau, polare Winde blasen über den Fjord. Da hockt man lieber drinnen, wärmt sich am Kamin, isst Fisch oder Seehundfilet, trinkt Wein. Und singt, laut und fest. Protestantische Kirchenlieder sind es, grönländisch vertextet und am Harmonium angestimmt von Pfarrer Jonathan Motzfeldt. Er gibt hier in Nuuk, der Hauptstadt von Grönland, fast immer den Ton an - gelegentlich sonntags als Prediger, alltäglich aber als Premierminister. Und was auf den ersten Blick anmutet wie ein Kirchenchor im gediegenen Wohnzimmer, ist in Wahrheit eine elitäre Versammlung: Hier in Haus Egede, diesem vor 280 Jahren von einem dänischen Missionar errichteten Gemäuer, da sitzt, singt und lacht jene kleine politische Klasse, die die Geschicke der größten Insel der Welt lenkt. "Halleluja!" Und: "Prost!"

Sechsmal so mächtig wie Deutschland ist die Landmasse hoch oben im Norden des Atlantiks. Acht Zehntel von Grönland freilich liegen begraben unter ewigem Eis, was auch erklärt, warum hier nur 58 000 Menschen leben wollen. Die meisten von ihnen sind Inuits

das Schimpfwort Eskimo ("Fleischfresser") ist längst verpönt. Eher darf man noch von "Norddänen" sprechen, die Kopenhagens ehemalige Kolonie seit nunmehr 21 Jahren in weitgehender Autonomie regieren.

Diese so genannte "Heimatregierung" unter musikalischer wie politischer Leitung von Jonathan Motzfeldt wird alimentiert von milliardenschweren Transfers aus dem Mutterland - und angeleitet von allerlei süddänischen Beratern und Vizeministern. Eingeborene und Zugereiste, Nord und Süd kommen gut miteinander aus. Diesen Eindruck jedenfalls nährt auch der wohlige Liederabend, wo der Besucher jedermann trifft, der über die Zukunft der Insel mitentscheidet: etwa Daniel Skifte, den langjährigen Oppositionsführer, der lächelnd zu den Tönen des Premiers mitträllert. Oder Hans Kristian Schónwandt, den graubärtigen Geologen aus Jütland, der drüben am Tisch von seiner Wette auf baldige Öl- und Gasfunde vor der Westküste erzählt. Oder auch Mogens Kleist, den Linksoppositionellen mit Kurzhaarschnitt, der heimlich von der Unabhängigkeit seines Eilands träumt.

Über ein Thema freilich können sie alle reden, stundenlang: FISCH. Kabeljau, Rotbarsch, Heilbutt, Garnele - darauf gründet ihre Existenz. "Fisch" - da aufersteht der Mythos vom einsamen Inuit im Kajak zwischen Eisschollen, die Erinnerung an Zeiten, als "man übers Wasser laufen konnte", so dicht seien die Schwärme vor 50, vor 30 Jahren noch gewesen. Und "Fisch" bedeutet bis heute: 95 Prozent allen Exports, ein knappes Drittel des grönländischen Volkseinkommens, jede Menge Jobs zu Wasser wie zu Land.