Brüssels Kommissionspräsident wird Grönland im Juli besuchen, es ist die ranghöchste EU-Visite seit Grönlands Austritt. Der Italiener wird ein fernes Land entdecken, das der EU bisweilen näher scheint als etwa Großbritannien oder Irland. Denn falls die Dänen im September per Referendum für den Euro stimmen, wird Grönland Teil der Währungsunion.

Motzfeldt, dieser bauernschlaue Dorftribun, weiß das zu schätzen. Feste Wechselkurse sind gut für den Export von Garnelen und Heilbuttfilets. Und obendrein mag die Pass-Union mit dem Kontinent ja ein paar zusätzliche Touristen ins Land locken. Grönland muss sich und seine Wirtschaft umstellen, dringend sogar. Die Fischbestände schwanken, und ewig wird Kopenhagen nicht bereit sein, die ehmalige Kolonie mit jährlich umgerechnet 800 Millionen Mark aufzupäppeln. Allein ein süddänischer "Blockzuschuss" macht 60 Prozent des grönländischen Budgets aus, das ergibt rechnerisch mehr als 11 000 Mark für jeden Norddänen. Davon wird alles bezahlt, was angesichts der widrigen Natur eben importiert werden muss: Gemüse und Bauholz, Milch und Zement, Medikamente wie Alkohol. Aber obendrein setzt sich die Erkenntnis durch: Die Zuschüsse aus Kopenhagen konservieren viel zu lange schon eine ineffiziente Staatswirtschaft, die einen dänischen Berater gar vom "Kuba der Arktis" fluchen lässt.

Langsam, sehr langsam beginnt in Nuuk das Nachdenken über eine nordische Perestrojka. So erwägt der sozialistische Finanzminister jene Subventionen zu streichen, die bislang noch bis ins letzte Dorf für jedes Produkt einen einheitlichen Preis garantieren. Und die Wohnungsnot in Grönlands Hauptstadt, wo mancher Bürger bis zu 13 Jahre auf ein Appartement im staatlichen Plattenbau warten muss, schreit geradezu nach Raum für private Investoren.

Bisher war all das tabu in einem postkolonialen Sozialsystem, das sich mehr als das Mutterland selbst an die überkommenen Instrumente eines skandinavischen Wohlfahrtsstaates klammerte.

Allmählich entwickelt Grönland - jenseits von Staat und Fisch - eine ganz eigene New Economy. Demnächst will zum Beispiel ein Unternehmen an die Börse gehen, dass etwas vermarktet, wovon Grönland nun wahrlich zu viel hat: Gletschereis. Die Idee ist simpel und unter Londons Yuppies bereits ein Geheimtipp: Das zwei- bis sechstausend Jahre alte Eis hält reinsten Sauerstoff umschlossen

zu kleinen Würfeln zerhackt und per Kühlkette in die Bars dieser Welt exportiert, lässt das "weiße Gold" jeden Whisky atmen.

Grönlands große Hoffnung jedoch ist "schwarzes Gold" - Öl! Demnächst beginnen draußen auf See die ersten Bohrungen. Hans Kristian Schónwandt, Geologe und zuständiger Vizeminister, ist sich sicher, "das wir da auf jeden Fall auf Kohlenwasserstoffe stoßen werden". Darauf, genau darauf hat er gewettet. Sein schelmisches Grinsen verrät, dass damit noch nicht alles gesagt ist: "Erdgas allein hilft Grönland nicht", die milliardenschweren Investitionen lohnten sich nur, falls ein trinationales Konsortium demnächst auf reichste Ölquellen stoße. In zehn, fünfzehn Jahren, so kalkulieren Realisten, hätten die Konzerne ihre Bohranlagen abgeschrieben, erst dann könnte - "vielleicht, vielleicht" - am Polarkreis ein goldenes Zeitalter anbrechen.