Wenn sie's diesmal wieder versaut, werd ich ein paar Schnäpse brauchen. Ein Traum, der endgültig zerbricht, auch wenn es nicht der eigene ist, muss einfach mit Schnaps beerdigt werden. Und ein trauriges Lied passt dazu, vielleicht die Ballade von Lucy Jordan, der hübschen Frau aus dem netten Vorort, die mit 37 Jahren endlich begreift, dass sie niemals in einem Sportwagen durch Paris gleiten wird, den warmen Wind in ihren Haaren, niemals.

In einem verborgenen Winkel der Schwimmhalle wird eine Frau sitzen, die in diesem Moment ganz einsam ist. 17. Juni 2000, kurz vor dem Finale über 100 Meter Brust der Frauen bei der Olympiaqualifikation der Schwimmer in Berlin.

Sylvia Gerasch vom SC Berlin will heute ihr größtes Ziel erreichen: einmal bei Olympischen Spielen starten. Viermal hat sie es schon versucht, viermal ist sie gescheitert. Weltmeisterin war sie und Weltrekordlerin, damals für die DDR, mit 15, 16 Jahren. Jetzt ist sie 31 - eigentlich zu alt für sportliche Wunder.

Noch wenige Minuten, dann steht sie auf dem Startblock. Was mag der Frau, für die der Olympiatraum längst zum Trauma geworden ist, in diesem Moment durch den Kopf gehen? Da drüben steht Harald Gampe, ihr Trainer, den fast alle Harry nennen, wie immer mit seiner Kladde in der Hand und zwei Stoppuhren um den Hals, flackernd die Augen jetzt, fahl das Gesicht. Hoffentlich geht das gut steht darin geschrieben.

Mach sie um, Sylvia, mach sie alle um!

Eine seltsame Stille lastet über der Halle. Fast alle hier wissen: Dies ist die letzte Olympiachance einer großen Sportlerin. In vier Jahren kann sie nicht mehr antreten. Sie muss dieses Rennen gewinnen.

Es war ein schöner Tagtraum, damals vor Olympia 96. Ich wollte eine Flasche Rotkäppchen-Sekt kaufen und ein Deutschlandfähnchen. Wenn in Atlanta die Finalistinnen über 100 Meter Brustschwimmen an den Start gingen, wollte ich vorm Fernseher sitzen, mit schweißnassen Händen und Herzklopfen. Ich wollte sehen, wie Sylvia Gerasch es noch mal allen zeigt. Mach sie um, Sylvia!, hätte ich gebrüllt, mach sie alle um!