Die Diskussion um die gefälschten Star-Interviews des ehemaligen Mitarbeiters des Magazins der "Süddeutschen Zeitung" Tom Kummer (ZEIT Nr. 22/00) nimmt kein Ende. Die Entlassung der beiden Chefredakteure Ulf Poschardt und Christian Kämmerling sowie die Publikation einer umfassenden Dokumentation des Falls in der "Süddeutschen Zeitung" (27. Mai 2000) haben der Affäre eine neue, dramatische Wendung gegeben. Längst ist daraus eine journalistische Generaldebatte geworden. Sie kreist um folgende Frage: Ist der Fall Kummer nur ein Symptom für die fragwürdigen Methoden eines in den achtziger Jahren entstandenen und mittlerweile in vielen Redaktionen gepflegten Popjournalismus, den Peichl vereinnahmend zum "Autorenjournalismus" erklärt?

Markus Peichl, heute als Fernsehproduzent in Hamburg tätig, konzipierte in den achtziger Jahren die "Zeitschrift für Zeitgeist" "Tempo" und gilt seither als geistiger Mentor einer ganzen Generation von Journalisten.

DIE ZEIT: Wie lautet Ihre persönliche Bilanz des Falls Tom Kummer? Ist er für Sie abgeschlossen?

SIEGFRIED WEISCHENBERG: Die Diskussion geht weiter. Das finde ich sehr gut, weil sich der deutsche Journalismus bestimmter Regeln vergewissern muss. Insofern kann man dem sogar etwas Positives abgewinnen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob wir hier nur über die Spitze des Eisbergs reden, ob es dahinter nicht doch einen gewissen Trend gibt, den der Herr neben mir wesentlich ausgelöst hat. Diesen Trend hab ich ja schon immer bekämpft, seit er 1985 mit Tempo angefangen hat.

MARKUS PEICHL: Die Frage ist, ob es einen Eisberg gibt oder ob Kummer nicht einfach ein Einzelfall ist, der jetzt von manchen benutzt wird, um einen Eisberg überhaupt erst mal zu konstruieren. Ich glaube, dass der Fall Kummer vor allem ein juristisches Nachspiel haben muss, damit Juristen das klären, was jene Journalisten, die sich an die Spitze einer sehr aufgeregten aufklärerischen Bewegung gesetzt haben, nicht aufgeklärt haben: Wie viele Interviews waren genau gefälscht? In welchem Umfang waren sie gefälscht? Außer Kummer selbst weiß das immer noch kein Mensch. Die andere Frage ist: Warum wurde der Fall Kummer zu einem so großen Fall und in der Folge zu einem Fall Poschardt und Kämmerling?

ZEIT: Was vermuten Sie?

PEICHL: Hier soll eine neue Form von Journalismus, die sich in den letzten Jahren gegen die etablierte journalistische Schule behaupten konnte, bekämpft und ausgegrenzt werden. Es geht gar nicht um Kummer, er ist nur ein willkommener Anlass. Wir haben es mit einem Kulturkampf zu tun. Diesen Begriff habe übrigens nicht ich, den hat Herr Jörges in der Woche als Erster benutzt.