WEISCHENBERG: Da bin ich eben anderer Meinung. Sie konstruieren eine Art Sippenhaft.

PEICHL: Nicht ich, das macht doch Ihre Fraktion! Nehmen Sie das Beispiel Moritz von Uslar, eines anderen Autors des SZ-Magazins . Er hat 1994 ein Interview mit Vivienne Westwood gemacht. Sie hat sich über dieses Interview damals aufgeregt, weil sie sich zu Aussagen hinreißen ließ, die sie im Nachhinein bedauerte. Ein Fall, wie wir ihn immer wieder auch im so genannten seriösen Nachrichtenjournalismus erleben. Was hat jetzt der Kulturreport der ARD daraus gemacht? Er erkannte hier einen weiteren Fall von Fälschung! Moritz von Uslar wurde nicht einmal um eine Stellungnahme gebeten. Jetzt musste sich der Kulturreport , nach massivem Druck, bei Uslar entschuldigen.

PEICHL: Der Tempo -Journalismus der achtziger Jahre ist später in den etablierten Zeitschriften aufgenommen und integriert worden. Viele Kollegen, die bei Tempo waren, sitzen ja heute in so genannten klassischen Medien, vom Spiegel bis zur Süddeutschen , teilweise in leitender Funktion. Dadurch hat dieser Journalismus auf der einen Seite an Einfluss gewonnen, auf der anderen Seite kam es dort zu einer Aufweichung des üblichen Anliegens. Die Relevanz, die Sie zu Recht fordern, ist da und dort verloren gegangen. Aber das hat nichts mit dem Fall Kummer zu tun. Man muss da klar trennen: Kummer ist ein großes schreiberisches Talent mit großen persönlichen Problemen und großen charakterlichen Defiziten. Er ist kein Borderline-Journalist, sondern eine Borderline-Personality. Und aus diesem Grund ist er wirklich ein Einzelfall, ein Außenseiter, als der er sich auch sieht und stilisiert. Kurz nachdem er letztes Jahr beim SZ-Magazin wegen der Ivana-Trump-Fälschung rausgeflogen ist, habe ich ihn zufällig in L. A. getroffen, zum ersten Mal seit sechs oder sieben Jahren. Mein erster Satz, den ich zu ihm gesagt habe, war: "Warum, Tom? Warum immer diese notorischen Lügen?" Und der Mann war richtig erleichtert, dass ihm endlich jemand diese Frage gestellt hat. Zehn Jahre lang hatte das keiner getan. Das ist es ja auch, was ich den Zeitschriften und den Chefredakteuren vorwerfe: Sie haben sich nicht um ihn gekümmert.

WEISCHENBERG: Das heißt, die wussten es?

PEICHL: Zumindest hätte es jeder wissen müssen. Herr Jürgs ist jetzt stolz darauf, dass er Herrn Kummer gefeuert hat - das ist nix, worauf man stolz sein kann. Stolz hätte man sein können, wenn man aus Kummer einen anständigen Journalisten gemacht hätte. Das haben aber alle seine Arbeitgeber verabsäumt - und zwar nicht erst Kämmerling und Poschardt. Kummer ist also auf der einen Seite ein Produkt seiner eigenen psychischen Probleme und auf der anderen Seite ein Produkt der großen zwischenmenschlichen Nachlässigkeiten und Versäumnisse, die in unseren Medien gang und gäbe sind. Ich habe ein Beispiel, wie man das außerordentliche Talent Kummers korrekt einsetzen konnte: Wir kauften bei Tempo 1987 Auszüge aus der Autobiografie von Michael Jackson. Das hat ein Schweinegeld gekostet und hatte einen Informationswert gleich null. Einige Monate später habe ich Kummer nach Los Angeles geschickt, weil ich das so unbefriedigend fand. Kummer hat die Umgebung rund um Michael Jacksons Haus beobachtet und anschließend eine literarische Reportage geschrieben, in der er das Phänomen Michael Jackson brillant wiedergegeben hat. Es war ganz klar, dass das eine fiktive Geschichte war, weil am Ende des Artikels der Cadillac von Michael Jackson davonschwebt, was ja selbst Autos von Stars selten tun. Aber diese Geschichte hatte einen zehnmal höheren Informationswert als der Vorabdruck der Autobiografie. Sie hatte eine tiefere Wahrheit.

ZEIT: Können Sie genauer beschreiben, worin Sie jetzt einen Kulturkampf sehen?

PEICHL: Da ist eine Form von Revanchismus zu erkennen von den Leuten, die sich durch Autorenjournalismus, durch subjektiven Journalismus, durch einen ästhetisierenden Journalismus angegriffen gefühlt haben.