Langsam baut sich auf dem Bildschirm eine grüne Linie auf. Wie eine Fieberkurve steigt sie einmal zackig nach oben, dann sinkt sie wieder ab. Ich konzentriere mich: Nun geh schon nach unten! Und tatsächlich geht die Linie ein paar Stufen hinunter. Ja! Weiter so! Eine Weile schaffe ich es, die Kurve ins Minus zu drücken. Erst kurz vor Schluss des etwa fünfminütigen Experiments kommt sie wieder hoch und endet etwa in der Mitte des Bildschirms.

Ich befinde mich im Princeton Engineering Anomalies Research (Pear) Lab an der renommierten Eliteuniversität im US-Staat New Jersey. Keine Drähte führen von meinem Kopf zum Computer. Die zuckende Linie auf dem Bildschirm gibt die Ergebnisse wieder, die ein Zufallsgenerator ausspuckt - ein echter physikalischer Zufallsgenerator in einem kleinen Kästchen. Er produziert Nullen und Einsen in wirrer Folge. Der Computer misst, ob bei den 200 Ziffern mehr oder weniger als die erwarteten 100 Einsen dabei sind - entsprechend geht die Kurve nach oben oder nach unten. Meine Aufgabe ist es, ihn dazu zu bringen, dauerhaft weniger Einsen zu produzieren und damit die Kurve nach unten zu drücken - wie, ist meine Sache. Ich darf meditieren, brüllen oder einfach daneben sitzen und ein Butterbrot essen. Nur Anfassen ist verboten. Allein die Kraft meines Willens soll zum gewünschten Ergebnis führen.

Seit über 100 Jahren bemüht sich die Parapsychologie auf mehr oder weniger seriöse Weise, die so genannte Psychokinese nachzuweisen - seien es makroskopische Phänomene wie das Rücken von Tischen oder eben mikroskopische wie der zufällige Zerfall von Elementarteilchen.

Ein unbekannter Geist ließ die Flugzeugelektronik spuken

Aber von Parapsychologie spricht Bob Jahn nicht gern. Er verwendet den Begriff Anomalien, schon um sich von der schillernden Szene abzugrenzen. Der Gründer des Pear-Labors war 15 Jahre lang Dekan der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät in Princeton. Ein Ingenieur durch und durch, sachlich, wortkarg, hager, eine Baseballkappe auf dem militärisch kurz rasierten Haupthaar. Ungewöhnlich nur die Stofftiere, die das Büro des 70-Jährigen bevölkern. Irgendwann vor etwa 20 Jahren erzählte ihm der Flugzeugbauer James McDonnell von unerklärlichen Vorfällen, bei denen die Elektronik der Jets verrückt gespielt hatte. Anomalien eben. McDonnell bot an, die Erforschung dieser ungewöhnlichen Ereignisse zu sponsern. Seitdem gibt es in einem Keller in Princeton zwischen nüchternen Maschinen und Messgeräten der Flugzeugingenieure eine Tür mit einer Birne (englisch pear) darauf, hinter der eine Hand voll engagierter Menschen versucht, mit exakten wissenschaftlichen Methoden dem Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Materie auf die Schliche zu kommen.

Die Pear-Forscher haben schon mit allen möglichen Zufallsquellen gearbeitet: linearen Pendeln, durch ein Nagelbrett fallenden Kugeln, einer stroboskopisch beleuchteten Wasserfontäne, einem grünen Plüschfrosch auf Rädern, der erratisch durch den Raum fährt. Bei den meisten Testpersonen korrespondierte tatsächlich der Output des Zufallsgenerators mit der Intention. Ganz, ganz minimal, mit einer Abweichung von etwa einem zehntel Promille vom mathematisch zu erwartenden Wert. Aber dies "statistisch signifikant".

10 001-mal Kopf bei 20 000 Würfen - Zufall oder Effekt?