Jean-Pierre Chevènement steht für eine europakritische Strömung in der französischen Politik, die sich 1992 bei der Auseinandersetzung um den Vertrag von Maastricht gebildet hat: den Souveränismus. Knapp die Hälfte der Franzosen stimmte damals beim Referendum gegen den nächsten Schritt der europäischen Einigung. Chevènement trat damals aus der Sozialistischen Partei (PS) aus, und zwar aus Protest gegen deren proeuropäische Haltung. Er gründete die Bewegung der Bürger, Mouvement des Citoyens (MDC).

Der Souveränismus ist die junge Spätform eines Nationalismus, der sich auf die besten Traditionen der französischen Republik beruft: Alle Macht geht vom Volke aus. Das Volk ist im Verständnis der Souveränisten immer nur die klassische Nation. Dass es auch ein europäisches Volk geben könnte, das sich durch Direktwahl eines europäischen Präsidenten konstituiert, ist für sie undenkbar. Kennzeichnend für die Souveränisten ist ferner der Glaube an deutsche Hintergedanken bei der europäischen Einigung.

Chevènements MDC ist heute eine Splitterpartei mit enger Bindung an die Sozialisten - so eng wie die Bindung ihres Parteivorsitzenden Chevènement an den ehemaligen Parteivorsitzenden der Sozialisten, Lionel Jospin. Als Jospin 1997 überraschend Premierminister wurde, nahm er den autoritären Chevènement als Innenminister in die Regierung.

Der 61-jährige Chevènement ist ein Lehrerssohn aus Belfort. Er neigt zu eklektischen Positionen und hat einen geradezu deutschen Horror vor jeder Form von Unordnung. In den Vorlagen seiner Mitarbeiter verbessert er Rechtschreibfehler und Zeichensetzung. Seine Ansichten über Deutschland hat er 1996 in einem bemerkenswerten Buch zusammengefasst: France - Allemagne: Parlons franc (Frankreich - Deutschland, reden wir offen miteinander); Editions Plon, Paris 1996, 282 Seiten, 120 Franc.