Der Comic ist so alt wie das Kino - gut 100 Jahre. Beide Kunstformen reagieren auf die Fragmentierung und Dynamisierung der Wahrnehmung in unserer modernen Kultur. Als ästhetische Konzepte ziehen sie allerdings ganz unterschiedliche Konsequenzen aus dieser Erfahrung. Das Kino bietet üblicherweise die Illusion eines homogenen Handlungsraumes, den der arretierte Blick des Publikums fast mühelos in Besitz nehmen kann. Anders der Comic: Entweder man schaut auf das Bild, etwa eine gezeichnete Figur, oder man liest die Buchstabenfolge in der Sprechblase. Die Lektüre des Comics erfordert einen gelenkigen Blick, will man der Handlung folgen.

Dazu gehört ein nicht festgelegtes Repertoire von Sehtechniken. Dies mag der Grund sein, warum der Comic immer noch als jugendliches Medium erscheint, als freche Lockerungsübung in einem ansonsten erwachsenen Milieu. Als avancierte Form der grafischen Literatur sperrt er sich gegen das Älterwerden auch dort, wo er zu längst etablierten, auflagestarken Formen gefunden hat. Selbst die Geschichten von Mickymaus, Superman, Tim und Struppi oder Asterix bewahren etwas von der Renitenz, die dem Comic eigen ist.

Der gegenwärtige Stand aus dieser reflektierten Entwicklungslinie des Comics ist jetzt in einer umfassenden Sammlung zu bestaunen: Comix 2000 . Sie wurde von L'Association herausgegeben, einer renommierten Pariser Gruppe von Comic-Künstlern. Zwei Jahre hat sie in der ganzen Welt nach Zeichnern gesucht, um sie nun in ihrer ganzen Vielfalt vorzuführen. 324 Autoren aus 29 Ländern, geboren zwischen 1940 und 1982, teilen sich genau 2000 Seiten. Sie stammen überwiegend aus den USA, Frankreich und Japan, aus Ländern mit einer alter Comic-Tradition, doch ist L'Association auch in Argentinien, Ägypten oder Neuseeland fündig geworden. Thematische Vorgaben gab es nicht.

Wie kaum anders zu erwarten, erschließen sich dem ersten Blick keine Gemeinsamkeiten. Von eher traditionellen Bleistiftstricheleien bis zu monochromen Bildexperimenten kommen auf den schwarzweißen Abbildungen ganz verschiedene Mal- und Erzähltechniken zum Einsatz. Hok Tak Yeung aus Hongkong zeichnet in kurzen, aber kräftigen Strichen detailfreudige Arrangements, der Spanier Stefano Ricci lotet mit seinen großzügigen Flächenarrangements die Grenzen der Gegenständlichkeit aus. Ethan Persoff aus Chicago konterkariert die gängige Leserichtung durch Zeichentableaus, die von rechts nach links gelesen werden können, von unten nach oben. Der Israeli Tamir Shefer komponiert in ornamental gestalteten Seiten einen Albtraum, in dem ein Mann seine Frau zerstückelt; unversehens greift das gezeichnete Flächendekor in die Handlung ein!

Zwischen den vielfältigen Arbeiten der zumeist unbekannten Autoren wird bei näherem Hinschauen dennoch etwas sichtbar, was sie verbindet. Das hat mit der einzigen, einer formalen Vorgabe zu tun: Um teure Übersetzungsarbeit zu vermeiden, durfte kein Zeichner lesbare Buchstabenfolgen verwenden. Die Sammlung sollte weltweit lesbar sein. So finden sich in den Sprechblasen, wenn überhaupt, nur Gekritzel oder kleine Zeichnungen. Der Comic als universale Sprache - diese Vorgabe hat den französischen Zeichner Zou zu der kritischen Pointe angeregt, seine Figuren im Modus eingetragener Warenzeichen sprechen zu lassen. Der Wunsch nach globaler Verständigung verwirklicht sich als Floskel. Warenform wird zur Lebensform.

Comics registrieren seismografisch Veränderungen im Betriebssystem der Kultur und geben ihnen sinnlichen Ausdruck. Weil sich in Comics disparate Zeichentypen, Bild und Schrift vermischen, sind ihnen Erschütterungen des Verstehens immer anzumerken. Die Beiträge in Comix 2000, in denen selbst der Text noch durchbildhafte Elemente ersetzt wird, verstärken diese Unruhe, aus der Comics leben.

L'Association (Hrsg.) : Comix 2000 , Paris 1999; 2047 S., 146,- DM, Vertrieb über Edition Moderne, Zürich