Wir nehmen die Gesellschaft so auseinander wie früher Anatomen den Menschen in seine funktional differenzierten Teile Leber, Herz, Nieren, Lunge. Die haben sich gefragt, welche Aufgabe die einzelnen Teile haben, wie sie zusammenhängen und welches das Ganze regiert.

Eigentlich zerlegt die Gesellschaft sich im Zuge ihrer Modernisierung selbst, und zwar in funktional differenzierte Teile. Sie war natürlich immer schon zerlegt, aber in anderen Formen. Zunächst zum Beispiel in Familien, in Clans, dann im Mittelalter (und noch in indischen Gesellschaften) in Kasten, in Schichten und jetzt eben in spezialisierte Teile. Das heißt, die Gesellschaft hat keine zusammenhängende Gesamtlogik mehr, sondern diese Teile verfolgen ihre eigenen Ziele, die nicht unbedingt zusammenpassen.

Wir gestehen der Politik das Recht zu, den anderen Funktionssystemen unter Umständen ihre Kompetenzen zuzuweisen. So geht jedenfalls das Modell. In Wirklichkeit gelingt es natürlich nicht immer, die Mächtigen an die Kandarre zu nehmen und auf eine Gesamtlogik der Gesellschaft zu verpflichten.

Wir Systemtheoretiker sind komplizierte Leute. Wenn wir zerlegen sagen, dann meinen wir immer auch integrieren. Das Zerlegen bekommt seinen Sinn, wenn die Teile den Rohstoff abgeben, um etwas Neues aufzubauen.

Ein gutes Beispiel ist die Familie: Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die Teile heute einen höheren Grad an Autonomie haben. Nicht nur Mann und Frau, auch die Kinder. Wenn wir das zerlegen, müssen wir gleichzeitig fragen, wie eine Reintegration dieser Familien passieren kann. Und da stellt sich heraus, es gibt ganz neue Rekombinierungsformen. Neue Familienformen.

Helmut Willke, Professor an der Fakultät Soziologie der Universität Bielefeld Der Fleischermeister Im Fleischerhandwerk heißt das Zerlegen des Ganzen in seine Teile Aufhauen. Der Fleischer haut das Rind oder das Schwein in verkaufsgerechte Teile auf. Das ist natürlich eine ganz andere Art des Zerlegens als beim Automechaniker. Denn erstens hat der Fleischer es mit verderblicher Ware zu tun. Und zweitens mit organisch Gewachsenem.

Normalerweise bekommt der Fleischer bereits halbierte Tiere. Bei Rindern sind es Viertel. Bei Schweinen, weil sie kleiner sind, Hälften. Das Tier wird dann weiter zerlegt in: Schinken, Bauchfleisch, Rippenfleisch, Schulterblatt, den Kopf (Kopffleisch und Backen), in Spitzbein und Eisbein sowie die Rippen, die sich in Kotelett- und Nackenstück teilen. Der Rest kann weiterverarbeitet werden zu Wurst.