Ob er sie wohl küsst? Nö. Sie stinkt ein wenig. Ihre Schleimhaut riecht muffig. Vielleicht ein zarter Kuss nur auf die Stirn? Ach was, sagt Bernd Kuleisa, das mache er nicht. Ja, er mag Fische, doch er küsst sie nicht, nein. Natürlich kennt er ziemlich viele Menschen, die so was tun.

Vernünftige Männer allesamt, aber nicht so vernünftig, dass sie in den glücklichsten Augenblicken ihres Lebens noch zu unterscheiden wüssten zwischen dem Reiz einer Frau und dem einer Bachforelle. Also küssen sie.

Fische. Wenn es sein muss, auch vor Publikum.

Dass Bernd Kuleisa jemals Fischküsser kennen gelernt hat, hängt damit zusammen, dass er in der Szene zu Hause ist und Angler in die Königsdisziplin des Fischefangens einweist. Er ist als Lehrer ins oberösterreichische Schärding gekommen, wo zehn Angler ihn erwarten, damit er gute Fliegenfischer aus ihnen macht. Eine besondere Spezies. Was man schon daran erkennt, dass man sich stundenlang darüber streiten kann, was Fliegenfischen eigentlich ist. Eine besonders elegante Methode, Fische zu fangen, steht in Lehrbüchern: Ein Fliegenfischer wirft eine künstlich hergestellte, um einen Haken gebundene Fliege ins Wasser, der Fisch hält sie für eine echte und schnappt zu. Ganz einfach. Scheinbar. Tatsächlich liegen die Dinge viel komplizierter. Nicht nur, dass es Hunderte verschiedene Fliegen gibt, von denen je nach Gewässer, Wetter und Fischart nur wenige erfolgversprechend, also fängig sind. Nicht nur, dass das perfekte Auswerfen einer Flugschnur (fast) so viel Geschick abverlangt wie ein geglückter Fallrückzieher im Strafraum. Da ist auch noch die Philosophie, die Fischkultur. Übersetzt heißt das: in einem Fisch das klügste und sensibelste Individuum nach dem Menschen sehen - und ihn das spüren lassen, wenn man ihn gefangen hat. Deshalb liebkosen einige Fliegenfischer die erste Forelle des Tages, aber eigentlich liebkosen sie nur sich selbst.

Du, Forelle, bist intelligent. Aber ich bin intelligenter. Das Wort Angeln kommt so gut wie nie vor, als sich Bernd Kuleisas Angler am Abend vor ihrer Einschulung übers Fliegenfischen unterhalten. Angeln ist etwas anderes. Angeln ist zum Beispiel, mit einem aufgespießten Wurm in einem Bach herumzufreveln. Fliegenfischen ist, ein filigranes Pseudoinsekt zu präsentieren – zielgenau, bestimmt für einen ausgesuchten Fisch, den man sieht (schnell erlernbar) oder irgendwo weit draußen zu erahnen meint (Unsinn, darum noch schneller erlernbar). Heute beißt wieder nix, sagt ein Angler an einem schlechten Tag. Die Fische sind heute sehr selektiv, sagt ein Fliegenfischer.

Ein Angler muss nur einen tumben Köder auswerfen. Ein Fliegenfischer lernt von den Aristokraten des Fachs, den Altmeistern der Technik, wägt den jüngeren gegen den älteren Gebetsroither-Wurfstil ab. Ein Angler kauert unter einem Schirm am Kanal und freut sich, wenn in seinem verschmierten Plastikeimer viele kochtopfgroße Karpfen liegen. Ein Fliegenfischer steht in Watstiefeln inmitten eines klaren Mittelgebirgsbachs, und wenn eine edle Forelle ihm die Gnade erweist, seine Fliege zu akzeptieren, dann lässt er sie aus Hochachtung wieder frei.

So könnte man es sehen, wenn man die selbstherrliche Verklärung ernst nähme, die von jeher wie ein Heiligenschein über dem Fliegenfischen schwebt. Der 43-jährige Kursleiter Bernd Kuleisa will von alledem nicht viel wissen. Elf Jahre lang hat er als Chefredakteur des Fachmagazins Fliegenfischen viele Laien neugierig gemacht, und das lakonische Kompliment einer Anglerin ist ihm noch heute das schönste: Sie haben geholfen, das Fliegenfischen zu entmystifizieren. Die Legende von der fischenden Elite komplett zu vernichten wäre ihm aber auch nicht recht. Er sagt es in der Sprache der traditionsreichen Fliegenfischernation Großbritannien: We are one family, and we define who belongs to us. Nur sehr wenige Fliegenfischer würden aussprechen, dass sie etwas Besseres seien, doch insgeheim fühlen sich viele so. Spätestens, wenn sie in einer Fliegenfischerschule bei den Fortgeschrittenen einsortiert werden.