Alle Vorbereitungen sind abgeschlossen, die Mannschaft ist zusammengestellt: ein Arzt, ein Bergführer, ein Kameramann, ein Historiker. Reinhold Messner bricht wieder auf. Der Mann, der als Erster alle 14 Achttausender bestiegen hat, will ein letztes Mal ganz oben stehen.

Der Nanga Parbat gilt als äußerst anspruchsvoll. Wie kein anderer Berg neben dem Mount Everest ist sein Name verknüpft mit Erfolgen und Tragödien der Alpinismusgeschichte. In den vergangenen 100 Jahren haben Dutzende Bergsteiger dort ihr Leben gelassen. Das berühmteste Opfer ist Alexander Frederick Mummery, der in vielem das Vorbild für Messner abgibt. Mummerys Verschwinden am Nanga Parbat ist eines der letzten Rätsel des Himalaya-Bergsteigens. Sein Schicksal aufzuklären macht aus der bevorstehenden Besteigung auch eine Suchexpedition zurück ins 19. Jahrhundert.

Als Mummery im Juni 1895 mit Schlagintweits Reisebericht im Gepäck zum Nanga Parbat aufbrach, war er unbestritten einer der besten englischen Bergsteiger. Die Idee, sich als erster Mensch an einem Achttausender zu versuchen, war die konsequente Fortsetzung seiner kühnen Touren in den Alpen und im Kaukasus. Nur zwei Freunde, J. N. Collie und G. Hastings, sowie ein paar Gurkhas waren seine Begleiter. Diese Zurückhaltung entsprach seiner Philosophie. Auch in den Westalpen war er stets ohne Bergführer in die steilsten Wände gestiegen.

An der Südseite des Nanga Parbat angekommen, erkannte er mit einem Blick, dass die riesige Rupal-Wand unersteigbar war, und wechselte über 5000 Meter hohe Pässe auf die Nordwestseite, ins Diamir-Tal. Auch die Diamir-Flanke war noch mehr als zwei Eigernordwände hoch. Vom Basislager auf 4400 Metern bis zum Gipfel schätzte er 3700 Höhenmeter. Der Anmarschweg verlief über spaltenreiche und schwer begehbare Gletscher; überhängende Eistürme, so genannte Séracs, blockierten den Aufstieg.

Aber Mummery findet einen Weg. Die nach ihm benannten Rippen, ein Felsgrat, ziehen sich fast bis zum Nordgipfel des Berges. Hier versucht er den Aufstieg, unterstützt von nur einem einzigen Gurkha-Träger, und erreicht eine Höhe von 6200 Metern. Er plant ein Biwak und am nächsten Tag den Angriff auf den Gipfel. Aber der Gurkha wird höhenkrank, Mummery bringt ihn ins Tal. Am nächsten Tag setzt schlechtes Wetter ein. "Ich wäre wahrscheinlich hinaufgekommen", schreibt er enttäuscht an seine Frau.

Es ist Ende August. Für einen letzten Versuch will die kleine Mannschaft auf die Nordostseite gehen, wo der Rakhiot-Gletscher einen weniger steilen Zugangsweg zum Gipfel eröffnen soll. Ein weiter Weg, der verschiedene Täler quert. Während Mummery abkürzen und über einen Hochpass von 6200 Metern einen direkten Zugang ins Rakhiot-Tal finden will, bleiben Collie und Hastings auf ihrer Route. Nach tagelangem Marsch erreichen sie das Rakhiot-Tal und sehen, dass der Pass, den Mummery gehen wollte, auf der Ostseite ins Bodenlose abfällt. Sie hoffen, dass Mummery umgekehrt ist und ihnen nachfolgt. Aber er kommt niemals an. Die Suche nach ihm bleibt erfolglos.

Trotz oder vielleicht gerade wegen seines Scheiterns hatte Mummery einen großen Einfluss auf die nächsten 100 Jahre Himalaya-Bergsteigen. Wenn der beste Bergsteiger Englands im Alleingang umkam, war dies der Beweis, dass für die Achttausender eine andere Taktik als in den Alpen angewandt werden musste.