Saal 3 im Landgericht Dover. Ein fensterloser Raum mit Deckenlicht, hafermehlfarbenen Tapeten und hellem Ulmenmobiliar. Graham Perrin, der örtliche Leichenbeschauer, trägt die vorläufigen Ermittlungsergebnisse nach der Entdeckung von "60 Individuen orientalischer Herkunft" in einem hermetisch verschlossenen Gemüsecontainer aus Holland vor. 58 der 60 waren tot, vier Frauen und 54 Männer, Namenlose auf dem Weg von Ost nach West, in Dover gelandet am Montag vergangener Woche. Vier Tage später liegt vor dem Leichenbeschauer ein Bündel aus 58 dünnen Akten, jede nur vier Blatt stark. "Nummer 1. Tod beurkundet um 4.23 Uhr männlich, braune Hosen, schwarzer Gürtel, blaue Socken, silberne Armbanduhr am linken Handgelenk, zwischen 18 und 30 Jahre alt. Keine besonderen Merkmale."

Der Vorsitzende, der die Anhörung leitet, bittet um eine Pause, so schnell könne er nicht schreiben. Jetzt ist nur noch das Summen der Klimaanlage und von draußen das Gekreisch aasjagender Möwen zu hören. Der Saal ist fast leer. Die Sekretärin, zwei Mitarbeiter der Grafschaftspolizei, ein halbes Dutzend Besucher. "Nummer 2", fährt der Leichenbeschauer fort, "Tod beurkundet um 4.25 Uhr, männlich, Boxershorts, trägt eine Armbanduhr, zwischen 18 und 30 Jahre alt ..." Bei Nummer 29 sagt der Vorsitzende milde lächelnd: "Jetzt sind wir halb durch."

Je länger die bürokratische Erfassung der Toten dauert, umso deutlicher scheinen hinter Zahlen und Fundstücken Schicksale einzelner Menschen auf. Geschichten von Abschied und Aufbruch, von einer großen Hoffnung und einer langen Reise. Am Leichnam "Nummer 32" baumelte ein Halskettchen mit einem Herz und einem St. Christophorus - dem Heiligen der Reisenden und Volkstümlichsten aller Nothelfer. "Nummer 37" hatte das Foto einer Frau in der Tasche. Einige der Toten hatten amulettartige Stoffbeutelchen bei sich, die chinesische Emigranten nach der Ankunft als Glücksbringer in die Heimat zurückschicken.

Die Geldscheine in den Hosentaschen geben Hinweise auf die Reiseroute. Viele Dollar, die Währung für überall. Aber einer hatte 390 Mark dabei; ein anderer neben 291 Dollar 10 Mark; ein dritter deutsches Geld und Peseten; ein vierter 60 Mark und 10 Rubel. "Nummer 53" hatte gerade noch 1 Dollar und 10 Mark dabei. Und eine gelbe Zahnbürste.

Offenkundig war der Transport gut organisiert. Eine Holzwand trennte das Menschenabteil von der dahinter gestapelten Tarnladung Tomaten. Alle Passagiere wurden vor der Überfahrt nach England mit einer Flasche Trinkwasser und einem Notdurftbeutel ausgerüstet. Als sie irgendwo in Holland in den Container kletterten, strömte Frischluft durch von außen verschließbare Schlitze. Da niemand Gepäck mitnehmen durfte, trug jeder, was er hatte, am Körper. Bis zu fünf Hosen, mehrere Paar Socken, Hemden und Pullover. Die Chancen standen gut. Täglich hatten es Illegale auf die Britischen Inseln geschafft, Tausende jedes Jahr. Was ging diesmal schief? Was geschah auf der monatelangen Odyssee um den halben Erdball?

Wenig ist davon im Gerichtssaal von Dover zu erfahren. Und doch fügen sich inzwischen Indizien wie einzelne Elemente eines Puzzles zusammen. Mit Lücken zwar, aber ein Bild ist schon zu erkennen. Das Bild einer Reisegruppe, die sich einem globalen Speditionsgewerbe williger Helfer anvertraut hatte; das Bild einer Schicksalsreise durch die Beneluxstaaten und Deutschland, durch Tschechien und die Ukraine, durch Russland und China. Einer Todesfahrt, die für einen der Unglücklichen im Februar in dem Dorf Jiangyan begann, Kreis Fuqing, Provinz Fujian, Südchina.

"Es ist egal, ob er als Leiche oder in der Urne zurückkommt"