Dieses Buch ist viele Bücher. Ein Märchen für Kinder und Erwachsene. Eine Fortsetzung des großen Romans Die 13 1/2 Abenteuer des Käpt'n Blaubär, auf die alle Lügen- und also Literatursüchtigen gewartet haben. Eine fantastische Variation von Hänsel und Gretel mit fein gestrichelten Bildern. Die halbe Biografie eines dichtenden Dinosauriers. Eine Satire auf den Literaturbetrieb, auf größenwahnsinnige Dichter, blutleere Avantgardisten, missgünstige Kritiker und Erbsen zählende Literaturwissenschaftler. Und eine weitere Demonstration des unfassbaren Erfindungsreichtums von Walter Moers. Wenn der Erfinder vom kleinen Arschloch und von anderen legendären Comicfiguren auch nur ein Zehntel dessen ausarbeiten wollte, was auf diesen 255 Seiten angelegt ist, muss er wie der von ihm geschaffene Poeten-Dino Hildegunst von Mythenmetz um die 800 Jahre alt werden. Ein Buch wie ein fantastischer Brühwürfel, aus dem man mühelos ein paar hundert Liter Buchstaben-, Geschichtensuppe machen könnte.

Ein Urwald aus Worten

Das Märchen selbst hat drei Teile. Es beginnt in "Bauming", einer Art Freizeitpark der ökologisch korrekten Gesellschaft, wo Buntbären als Baumdoktoren die Natur vor sich selbst beschützen. "Hier und da amputierten sie unter viel Brimborium mit Scheren und Sägen einen von Läusen befallenen Ast oder umwickelten von Spechten geklopfte Baumwunden mit Mullbinden, getränkt in essigsaurer Tonerde." Hier machen die Fhernhachenkinder Ensel und Krete Urlaub, hier geraten sie - wie im Grimmschen Vorbild - vom rechten, dem Holzweg, durch den Park ab, hinein in den "Großen Wald" und den zweiten Teil. Ein Urwald aus Worten, bekannten und neuen: "Fichten. Eiben. Lärchen. Riesenumfen. Knolmen. Blutbäume. Ornische Orken. Zamonenkork. Blauschwarzer Ätherich. Grobblättrige Senfklapper." Und so endlos weiter. Für manchen Lyriker mag die botanische Fachsprache schon Poesie sein, Moers erfindet lieber sein eigenes Grünzeug. Und wem diese kindliche, aber keineswegs naive Fabulierlust als Selbstzweck zu wenig ist, kann ihre Ergebnisse sinnbildlich nehmen. Denn der Urwald wird von den zivilisierten Bewohnern Zamoniens gemieden, seit man dort die Waldspinnenhexe verbrannt hat, das Feuer ein wenig außer Kontrolle geriet und im "Garten der Hexe" Mutanten wachsen: "Ein Biber mit Spechtschnabel. Ein Amselkopf mit einem Geweih. Ein Frosch mit einem Einhorn. Blumen mit Fledermausohren." Auch Zamonien hat sein Tschernobyl.

Nach etlichen Abenteuern mit Laubwölfen, die stets und schlecht vom Verwelken träumen, Grasseen, an deren Grund gelangweilte Halmmuränen lauern, einem verschlagenen Stollentroll und einer opportunistischen Orchidee gelangen Ensel und Krete schließlich an Das Haus (3. Teil). Es ist im Wortsinn ein Hexenhaus: Das Haus ist die Hexe. In einem splattermoviehaften Quentin-Tarantino-Finale will es die Kinder verspeisen, doch die werden vom verrückten goldenen Buntbären Boris Boris mit viel Horr!-Horr!-Gebrüll gerettet - ein Becker-Jelzin-Mutant als gute Fee.

Weil Moers, der nicht zufällig im redseligen Niederrheinischen geboren ist, sich bei der Beschreibung der Irrwege und - Vorsicht, Eltern, hier ist das Buch pädagogisch weniger wertvoll - diverser Pilztrips noch nicht genug ausgemärt hat, folgt Teil 4, die fiktive Biografie des Hildegunst von Mythenmetz. Nachdem Moers bislang Namen, Farben, Pflanzen, Tiere, Sprichwörter, Abstrusitäten sonder Zahl erfunden hat (zum Beispiel die Grabsteine aus Seife auf dem Friedhof der Ausgestoßenen, die beim ersten Regen vergehen), denkt er sich nun Bücher aus. Hier erreicht seine realistische Fantastik einen weiteren Höhepunkt. Die Bestürzung der Hemden . Die Fleischharfe . Der Baßrüttler des Voltigorken . Der gebratene Gast . Der absurde Ratgeberroman Wie man einen Fisch faltet . Die würde man doch alle gern einmal lesen, zusammen mit der dazugehörigen Sekundärliteratur: Fünfzehn Wochen überzogen - Die Liste der von Hildegunst von Mythenmetz nachweislich ausgeliehenen Bücher aus der Universität von Gralsund, mit den jeweiligen Überziehungsgebühren und einem Anhang mit faksimilierten Randbemerkungen und Fettflecken des Dichters, Studentenarbeitsgruppe, Universitätsverlag Gralsund.