In Alfred Hitchcocks Psychothriller Spellbound führt ein bemerkenswerter Dialog am Ende zur Entdeckung des Mörders. Wir hören den Leiter einer psychiatrischen Klinik beiläufig sagen: "Ich kannte Dr. Edwards nur flüchtig." Die innere Stimme seines Gegenübers, einer jungen Ärztin, verwandelt die Aussage des Vorgesetzten nun in einem Crescendo von Wiederholungen in den Satz "Ich kannte Dr. Edwards". Fast schon modellhaft zeigt Hitchcock, wie im Kopf der verstört blickenden Ingrid Bergman ein Prozess abläuft, der den normativen Gehalt des Satzes untersucht - bis ihr ins Bewusstsein dringt, wie sehr die Bemerkung mit früheren Äußerungen ihres Vorgesetzten über den ermordeten Kollegen kollidiert. Am Ende des Filmes richtet der Klinikchef den Revolver gegen sich selbst. Seine Bemerkung war eine Unachtsamkeit, von der er ahnte, dass sie zu seiner Entdeckung führen musste. Und warum? Weil der Mörder ein "diskursiver Kontoführer" ist und weiß, dass seine Zuhörerin ebenfalls eine "diskursive Kontoführerin" ist.

Zu dieser ungewöhnlichen, aber äußerst folgenreichen Situationsbeschreibung gelangt man mithilfe einer Sprach- und Rationalitätstheorie, die der amerikanische Philosoph Robert B. Brandom in seinem fulminanten Werk Making It Explicit, entwickelt. Das Buch ist jetzt in deutscher Übersetzung unter dem Titel Expressive Vernunft erschienen und erregt in Fachkreisen größtes Aufsehen. Dort lenkt Brandom einen neuen, tiefenscharfen Blick auf unsere Sprechweisen und führt uns vor Augen, welche enormen normativen Koordinierungsleistungen wir unausdrücklich erbringen müssen, um den Sinn und die Geltung einer Äußerung zu erfassen. Diese Analyse erhebt er zum Dreh- und Angelpunkt einer systematischen Untersuchung, die als wahrer Paukenschlag der jüngeren Philosophiegeschichte gelten kann.

Denn Brandom landet in doppelter Hinsicht einen spektakulären Coup. Zum einen gelingt ihm das Kunststück, das häufig beschworene, aber nie überzeugend in die Tat umgesetzte Programm einer normativen Gebrauchstheorie der Bedeutung einzulösen. In ungeahnter Radikalität treibt er dabei den ohnehin kühnen Gedanken vom "rationalen Diskurs" als dem eigentlichen Kern unseres Sprechens auf die Spitze und setzt sich so über die gesamte postmoderne Vernunftkritik souverän hinweg. Doch damit nicht genug. Die Analyse der Sprache integriert er in eine umfassende Theorieperspektive, die das Ende der selbst auferlegten Bescheidenheit der aus dem linguistic turn hervorgegangenen Gegenwartsphilosophie markiert: Anstatt sich mit der Erörterung philosophischer Detailfragen zu begnügen, will Brandom noch einmal im Stile der großen Systementwürfe vergangener Epochen sämtliche Problemfelder der abendländischen Metaphysik durchpflügen und unsere fundamentalen Begriffe wie Vernunft und Wahrnehmung, Handlung und Logik, Repräsentation und Objektivität neu entfalten. Auf diesem Weg errichtet er ein atemberaubendes Gedankengebäude, das sowohl für die Milieus der analytischen Sprachphilosophie als auch für die Diskurstheorie zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten bereithält.

Zu Beginn ruft Brandom uns in Erinnerung, dass unser alltägliches Sprechen von einer Vielzahl normativer Elemente durchsetzt ist. So ist zum Beispiel eine Äußerung nur unter bestimmten Bedingungen berechtigt und kann umgekehrt die Berechtigung anderer Äußerungen zur Folge haben, die durch sie begründet werden. Besonders wichtig ist ihm dabei, dass ein Sprecher mit einem Satz eine bindende Festlegung eingeht, die wiederum über Folgerungsbeziehungen mit weiteren Festlegungen verknüpft ist.

Wer also, wie in Hitchcocks Film, behauptet, "Ich kannte Dr. Edwards nur flüchtig", der legt sich auf die generellere Behauptung, "Ich kannte Dr.

Edwards" fest. Zugleich büßt er mit dieser Aussage nachträglich die Berechtigung zu einem früheren Bekenntnis ein, nicht zu wissen, wer Dr.

Edwards ist. Worauf es Brandom ankommt, ist dies: Er will zeigen, dass schon ein simpler Satz im Hintergrundverständnis unserer Kommunikationspartner eine äußerst diffizile Umverteilung der Berechtigungen und Festlegungen auslöst, die jeder der Beteiligten sich selbst und allen anderen in jeder Situation zuordnet.