Nun also ging es in den Krieg. In den einschlägigen Schwulen-Bars von Los Angeles, in Laguna Beach und Long Beach, in Kanada und Puerto Rico keilten Helfer Freiwillige für den Dienst an der HIV-Front. Antreten durften nur gesunde homosexuelle Männer und Frauen mit vielen Sexualpartnern und, wichtigstes Kriterium, ohne HIV-Infektion. Von Juni 1998 bis Anfang dieses Jahres hatten sich schließlich 5000 Probanden in 60 Rekrutierungsbüros entweder eine Spritze mit Aidsvax oder einer Placebolösung setzen lassen. Im vergangenen Oktober lief das Programm der kleinen Bio-Tech-Firma VaxGen aus San Francisco mit weiteren 2500 Teilnehmern in Thailand an. Fast 20 Jahre nach der Entdeckung von Aids hatte damit der erste und bislang einzige Impfgroßversuch gegen die Seuche begonnen.

Doch die Experten versprechen sich nicht viel davon. "Nach dem, was wir wissen", sagt der angesehene Aids-Impfstoffforscher Andrew McMichael vom Institute of Molecular Medicine in Oxford, "ist es sehr unwahrscheinlich, dass diese Vakzine funktionieren wird." Aber: "Manche Leute", sagt Thomas Harrer, Aids-Forscher an der Universität Erlangen, "haben eben Schwierigkeiten, sich von diesem einfachen Konzept von VaxGen zu verabschieden."

Im Herbst nächsten Jahres werden die ersten Daten der US-thailändischen Studie vorliegen. Sollte Aidsvax wider Erwarten doch gewirkt haben, wäre dies nach der Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes der zweite, diesmal etwas handfestere Sieg der Biotechnologie. Aidsvax ist ein Relikt aus den achtziger Jahren: Man suche auf der Hülle des Virus eine charakteristische Zucker-Eiweiß-Struktur (in diesem Fall gp120 genannt), erzeuge gentechnisch große Mengen dieser Zucker-Eiweiß-Schnipsel und spritze sie. Das Immunsystem lernt den Erreger kennen und bildet im Infektionsfall so genannte neutralisierende Antikörper.

Solch simple Immunbeihilfe reicht mitunter, um Masern oder Hepatitis zu bekämpfen, mit denen sich die Spezies Mensch im Laufe der Evolution schon auseinander setzen musste. HIV aber ist neu, ein evolutionärer Unfall, auf den der menschliche Körper schlecht vorbereitet ist. Nach der Infektion ist das Virus für das Immunsystem kurze Zeit sehr gut erkennbar. Mit der Präzision einer lasergesteuerten Bombe können sich Antikörper an ihr Ziel heften, das Virus wird zurückgeschlagen - aber nicht vernichtet. Es schlummert in befallenen Zellen weiter, vervielfacht sich langsam, mutiert vor sich hin, stichelt das Immunsystem mit Millionen Varianten. Doch irgendwann, im Laufe von Jahren, fällt aus unbekanntem Grund plötzlich die Antikörperreaktion gegen einzelne Mutanten aus. Blitzschnell durchtunnelt der Stamm die Lücke, wirft sein Zuckertarnnetz ab und befällt millionenfach sein bevorzugtes Opfer, die Immunzellen vom T-Helfer-Typ.

Ein perfekter Impfstoff dürfe nicht nur die präventive Antikörperproduktion im Visier haben, sagt Andrew McMichael, sondern müsse möglichst viele Immunzellen aktivieren. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang eine Aktivierung der Killerzellen. Sie können infizierte Körperzellen eliminieren. Bewährter Auslöser für diese General-Mobilmachung ist die Impfung mit abgeschwächten oder abgetöteten Erregern. Zwar wurde diese Strategie auch für HIV immer wieder diskutiert, aber angesichts möglicher Rückmutationen gemieden - kein Impfstoff darf infizieren. Also versuchen die Forscher neuerdings eine Infektion bis ins Detail künstlich vorzutäuschen.

Auch Ralf Wagner von der Universität Regensburg versucht sich an der Imitation. Im Rahmen des größten öffentlich geförderten Impfforschungsprogramms, Eurovac, ist er zurzeit mit der Entwicklung einer DNA-Vakzine beschäftigt. Anstatt das Immunsystem mit Eiweißbruchstücken des Aids-Erregers zu konfrontieren und damit auf einen Virenangriff vorzubereiten, spritzt man "nackte" - oder in andere Erreger verpackte - Erbgutfragmente (DNA) des Erregers. Die Körperzellen nehmen diese DNA auf und bauen sie wie bei einer echten HIV-Infektion auf wundersame Weise in ihre Erbinformation ein. Nach einer Weile beginnen die Zellen des Geimpften für das HI-Virus charakteristische Eiweiße zu produzieren und wie ein Steckbrief für andere Immuzellen an ihrer Oberfläche zu präsentieren.

"Vor sieben Jahren", sagt Ralf Wagner, "war das eine bestechend elegante Impfidee. So eine Vakzine ist schnell und billig herzustellen, sie braucht keine aufwändige Kühlkette." Ideale Voraussetzungen auch für den Einsatz in Afrika. "Heute", sagt Wagner, "wird die DNA-Vakzine sehr kontrovers diskutiert." An Nagetieren hatte das Prinzip noch bestens funktioniert. Aber mice tell lies (Mäuse lügen) - mit der Übertragbarkeit solcher Ergebnisse auf den Menschen ist es meist nicht weit her. An Primaten jedenfalls wollte die Impfung gegen HIV mit nackten Erbgutsträngen bisher nicht anschlagen.