Die Reise in die Zukunft des Alters dauert fast den ganzen Tag. Von London aus weiter im ältlichen Zug nach Nordosten, gegen Abend Stopp irgendwo in Norfolk. Die 60-jährige Elizabeth Handy wartet schon am Bahnhof und fährt den Besucher ins Familienhäuschen auf dem Lande. Ihr Mann Charles, sieben Jahre älter als sie, steht in der Küche und macht Abendessen, gütig und abgeklärt empfängt er den Besuch. Ein paar Jahre erst ist es her, da gehörte der ältere Herr mit dem weißen Haarkranz zur Hand voll weltweit beachteter Vordenker in Sachen Management - und noch heute kassiert er Tausende von Pfund für einen einzigen Tag der Beratung.

Charles Handy ist einer, der sich in Szene setzt. An sich selbst will er offenkundig werden lassen, wovon er überzeugt ist: dass es Wege in ein gelingendes Altern gibt. So feiert er den Erfolg seiner dritten Karriere und präsentiert sich nun als Vorbild dafür, wie die alternde Gesellschaft mit ihren Jahren umgehen sollte: Als junger Mann war er Manager bei Shell, später gehörte er zu den Gründern einer Management-Schule in London, dann, in den achtziger Jahren, machte er sich als gesellschaftsanalytischer Autor selbstständig und ist es geblieben bis heute. Sein Appell an die Altersgenossen lautet: Ein Leben lang lernen! Und: Wer nicht vergreisen will, braucht den Mut, notfalls in den Fünzigern noch einmal etwas Neues anzufangen. Sagt es und kocht - Köstliches aus der Toskana, wo Handys ein Ferienhaus besitzen.

Einige werden nach Handys Analyse als Selbstständige einen Teilzeitjob finden - der Bankmanager wird Berater, der Techniker wird Fernsehreparateur, der gering Qualifizierte macht die Aushilfe im Supermarkt. Andere könnten Kindern bei den Hausaufgaben helfen, im Krankenhaus oder in der Sozialstation mittun. "Halb professionelle Arbeit" nennt Handy das.

Was er indes mit so freundlicher Gelassenheit vorträgt, rührt in Deutschland an ein Tabu. Jeder weiß zwar, dass die Gesellschaft rapide altert, dass das Leben länger dauert, der Nachwuchs ausbleibt und Einwanderung allein diesen Trend nicht wird umkehren können. Auch dass schon im Jahr 2035 mehr als ein Drittel der Deutschen über 60 sein wird, ist bekannt. Doch kaum einer redet offen über die Folgen für den Alltag, den sozialen Zusammenhalt, die Politik. Und wer es doch tut, darf mit Gegenwind rechnen.

Lieber arbeiten, als der Frau zu Hause auf die Nerven zu gehen

Als Friedrich Merz, der Fraktionschef der Union, kürzlich die "Rente ab 70" erwähnte, fiel sogar die eigene Partei über ihn her. Die grüne Gesundheitsministerin Andrea Fischer machte sich mit einem Interview unbeliebt, in dem sie auf die steigenden Ausgaben in der Kranken- und Pflegeversicherung zu sprechen kam. Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf steht auch in seiner CDU ziemlich allein, wenn er eine Öffnung der Universitäten für die Weiterbildung von Berufstätigen propagiert, weil sich ansonsten die Studentenzahl binnen 15 Jahren glatt halbieren werde. Einsame Rufer. Die Sozialexperten der Parteien ringen zwar redlich um Korrekturen an der alten Rentenpolitik - doch scheinen sie die Notwendigkeit eines großen Wurfs nicht zu sehen: Schulen, Krankenhäuser, Stadtplanung werden sich ändern müssen, wenn immer mehr Deutsche in Rente gehen, ganz anders müsste nachgedacht werden über Einwanderung und Familienpolitik. Lauter Fragen, wenig Antworten. Viele Probleme.

Die für die meisten Menschen großes Glück bedeuten können. Sie bekommen zehn Jahre Leben geschenkt und dürfen aus diesem Schatz nun etwas machen. Nutzen sie den dritten Lebensabschnitt mit Freude, oder verlieren sie sich in Verteilungskämpfen untereinander und gegen die Jungen? Und wird es der Politik gelingen, die nötigen Voraussetzungen zu schaffen?