Europas Konter auf die amerikanische Genoffensive geht von historischem Boden aus. Mitten im beschaulichen Mainz trennen nur wenige Meter Erde die Labors des Bio-Tech-Unternehmens ProteoSys von den alten Kupferbergschen Sektkellern - in der Nachbarschaft haben früher schon die Römer ihren Wein gelagert. "Ein idealer Standort", scherzt Forscher André Schrattenholz, schließlich sei doch die Hefegärung eine sehr frühe Form von Biotechnik.

Natürlich hätte sich das Unternehmen überall ansiedeln können: in München, wo es zufällig gegründet wurde; in London, weil Chefdenkerin Jasmika Zimmermann dort vor drei Jahren einen Lehrstuhl übernahm; oder in den USA, denn dort sitzen die Kunden, auf die es ProteoSys abgesehen hat.

Die alten Gemäuer tun der Dynamik des jungen Unternehmens keinen Abbruch. In nur wenigen Wochen entstanden hier hochmoderne Labors. Und ihre Methode zur Erforschung des Proteoms, der Eiweiße im menschlichen Körper, davon sind die Wissenschaftler überzeugt, macht sie fit für die Weltspitze. Zwar waren es vor allem amerikanische und englische Forscher, die das menschliche Genom entschlüsselt haben - allen voran der Bio-Tech-Unternehmer Craig Venter mit seiner Firma Celera Genomics. Doch in Phase zwei des Biobooms könnten deutsche Unternehmen durchaus aussichtsreich ins Rennen einsteigen. "Ohne Leute wie uns stecken Celera und Incyte in der Sackgasse", urteilt Proteinforscherin Zimmermann. Beide Unternehmen - Incyte ist ebenfalls eine führende Sequenzierfirma, im kalifornischen Palo Alto - beanspruchen für ihre Entdeckungen je rund 7000 Patente, doch solange nicht klar ist, welche Gene was bewirken, haben sie zumindest in Europa keine Chance.

Die Professorin könnte Recht haben. Sie bringt auf den Punkt, was bei allen Schlagzeilen der vergangenen Wochen untergegangen ist: Die Kenntnis des menschlichen Genoms allein hilft der Medizin nicht weiter. Bis dieses Wissen Ärzten und Patienten nützt, können noch Jahre vergehen. Die amerikanischen Genforscher leiden unter dem Stasi-Syndrom. Sie haben mehr Informationen gesammelt, als sie verarbeiten können. Jetzt sind Proteinforscher wie Zimmermann und Schrattenholz am Zuge, die herausfinden, wie sich genetische Merkmale in den Eiweißen des menschlichen Körpers niederschlagen. Außerdem werden Bioinformatiker gebraucht, die mit ihrer Software den Datenberg beherrschen, und Biochip-Hersteller, die das gesammelte Wissen für Diagnose und maßgeschneiderte Therapien nutzbar machen. So schnell die Amerikaner bei der Sequenzierung des Genoms waren - in weiterverarbeitenden Disziplinen mangelt es auch ihnen noch an Experten.

Jetzt kommt für die Europäer die Zeit der Bewährung. Besonders für die Deutschen, die sich lange gegen die Gentechnik sperrten. Seit sich ihre Segnungen für die Arzneimittelforschung auch hierzulande herumgesprochen haben, hat sich das grundlegend geändert. Mit rund 280 Unternehmen, so zählte die Unternehmensberatung Ernst & Young, ist Deutschland zur führenden Bio-Tech-Nation des Kontinents aufgestiegen. Jetzt wird sich zeigen, ob die Deutschen zur Masse auch Klasse zu bieten haben.

Am weitesten gediehen ist die Bioinformatik. Hier gibt es schon zahlreiche deutsche Anbieter: alerte Nachwuchsforscher, geschäftstüchtige Professoren, selbst ausgewachsene Pharmakonzerne streben in dieses Feld. Star der jungen Branche ist der Krupp-Spross Friedrich von Bohlen mit seiner Lion Bioscience AG. Die Software der Heidelberger verschafft den Kunden nicht nur Zugang zu den über 350 öffentlichen Gendatenbanken auf der ganzen Welt. Sie vernetzt auch all die Daten, die von der Enttarnung einer Gensequenz als Krankheitsursache bis zur patentierten Therapie im Pharmaunternehmen anfallen. "Was SAP für die Büroorganisation ist, sind wir für die Arzneimittelbranche", erklärt von Bohlen stolz.

Ganz so berühmt wie das Softwarehaus im nahe gelegenen Walldorf ist das Bioinformatik-Unternehmen Lion zwar noch nicht, trotzdem muss sich von Bohlen vor dem demnächst anstehenden Börsengang um Publicity keine Sorgen machen. Sein Unternehmen gehört bereits jetzt zu den bekanntesten Namen der jungen Bio-Tech-Branche. Dazu beigetragen hat sicher die 100 Millionen Dollar schwere Forschungsallianz, die Lion vor einem Jahr mit der Leverkusener Bayer AG schloss. Daneben nutzen auch zahlreiche andere Pharmahersteller das Wissen der Heidelberger. Selbst in den Vereinigten Staaten sind sie schon präsent. Auch für Celera hat Lion schon gearbeitet. Gut drei Jahre nach der Gründung hat es Lion zu über 260 Mitarbeitern und rund 18 Millionen Mark Jahresumsatz gebracht. Gewinne erwartet Bohlen allerdings erst in drei Jahren.