* Fußnoten

"Die packen das nicht", sagt Thomas Peittorf und greift nach seiner Fanta. Auf dem kleinen Fernsehbildschirm bemüht sich die italienische Nationalmannschaft, zu zehnt die elf Holländer in Schach zu halten. Es ist kurz vor Ende der zweiten Halbzeit, immer noch steht es 0:0. Die Fans toben, die Spieler geben ihr Letztes, aber die drei Männer, die hier das Spiel verfolgen, denken schon an die Verlängerung. Dann ertönt der Pfiff, die Mannschaften schleichen resigniert vom Platz, und Peittorf wird munter. Als die Werbung beginnt, sitzt er aufrecht in seinem bequemen Sessel, hat die Hände auf den Knöpfen liegen und starrt gebannt auf eine schwarz umrandete Anzeige, gerade unter dem Fernsehgerät.

Mit dem Schlusspfiff, der die zweite Halbzeit beendete, sind in den nordwestlichen Berliner Stadtbezirken 10 000 bis 15 000 durstige Fußballfans gleichzeitig auf die Toiletten gestürmt, um sich zu erleichtern. Dann drückten alle gleichzeitig auf die Spültaste und schwemmten pro Kopf sechs Liter Trinkwasser in den Abfluss. Das bedeutet, dass mit einem Mal 80 000 Liter Wasser in der Trinkwasserleitung fehlen, die ein Fünftel der Berliner Bevölkerung versorgt, und der Druck ins Bodenlose fällt. Wenn dann nicht blitzschnell Wasser nachgepumpt wird, kommt kein Wasser mehr aus der Leitung, und unten entsteht eine machtvolle Welle, die an jeder schwachen Stelle einen Rohrbruch verursachen kann. Eine solche Gleichzeitigkeit der Bedürfnisse kann sich eine Millionenstadt nicht leisten.

Darum thront in der Schaltwarte des Wasserwerks Tegel auf der Konsole des Maschinisten ein Fernseher, auf dem das jeweils spannendste Programm des Abends läuft. In die Wand im Hintergrund sind drei weitere Bildschirme eingelassen. Sie zeigen die Programme, die heute vielleicht noch spannend werden könnten. Die Maschinisten bereiten sich stets durch ein gewissenhaftes Studium der Fernsehzeitschriften auf ihre Schichten vor.

Nur ein Rohrbruch verursacht einen ähnlich rapiden Druckabfall wie 10 000 gleichzeitige Pinkler. Die Beobachtung des Fernsehprogramms wurde in Berlin-Tegel eingeführt, als immer öfter Druckabfälle auftauchten, die sich keiner erklären konnte. "Dann kamen die Fernseher, und alles wurde viel genauer", sagt der Funktionsmaschinist Michalczyk. Längst haben die Maschinisten gelernt, das Potential eines Programms einzuschätzen. "Beim Boxen, wenn die Großen kämpften, Rocky, Henry Maske und Axel Schulz, haben wir alle drei Minuten, wenn die in die Ecke gingen, einen Druckabfall von 1000, 1200 m3/h gehabt!", prahlt Michalczyk. Das sind alle drei Minuten 6000 Pinkler allein in Frohnau, Reinickendorf und Wedding. Aber auch die Lindenstraße bringt es Woche für Woche um zehn nach sieben auf 2000 m3/h; der Tatort immerhin auf die Hälfte.

Die Spitzenwerte vermerkt der Schichtmeister auf seinem Tagesbericht unter den besonderen Vorkommnissen: "21.35 Uhr: 1600 m3/h zugelegt - TV Fußball" steht dann da. "Oder es kann auch stehen: ZDF, Pretty Woman", sagt der Schichtmeister Horst Blome. Pretty Woman war einer der wenigen Spielfilme, die richtig "Wasser bringen" - allerdings erst, als der Film zum dritten Mal im Fernsehen lief. Warum das so war, kann auch Herr Blome nicht erklären. Könnte er es, wäre ihm eine große Zukunft in der Programmgestaltung gewiss.

Wie geballt und gebannt das Publikum einer Fernsehsendung folgt, hat viel damit zu tun, ob es Sommer ist und warm und die Leute lieber im Biergarten sitzen, oder Winter und kalt und ungemütlich draußen; und natürlich spielt auch eine große Rolle, wie gut das Programm der anderen Sender ist.