Roland Mertelsmann ist das, was man eine "Kapazität" nennt. Der Chefarzt der Freiburger Universitätsklinik wagte als Erster in Deutschland 1994 einen Gentherapieversuch; vergangenes Jahr wurde der Krebsforscher ans Krankenbett der todgeweihten Raissa Gorbatschowa gerufen. Beeindruckend lang ist die Liste seiner Auszeichnungen, sein Ruf unter den Kollegen makellos. Als Gutachter beriet er unter anderem Enquete-Kommissionen, und neben seiner wissenschaftlichen Karriere baute er auch noch erfolgreich eine Firma auf. "Heute ist ein deutsches Gentherapie-Meeting ohne Roland Mertelsmann wie ein Fußball-Großereignis ohne Franz Beckenbauer", schwärmte das sonst eher zurückhaltende Magazin bild der wissenschaft.

Nun allerdings ist ein dunkler Schatten auf Mertelsmanns Ruhm gefallen: Eine Untersuchungskommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft rückt den Forscher in fatale Nähe zum größten bisher bekannt gewordenen Fälschungsfall der deutschen Wissenschaft. Der Krebsforscher Friedhelm Herrmann, mittlerweile in 94 Fällen der Datenfälschung überführt, war einst Mertelsmanns engster Mitarbeiter. 131 Arbeiten haben die beiden veröffentlicht, 58 davon mit geschönten Daten, erfundenen Tabellen oder frisierten Abbildungen. Doch damit nicht genug: Auch in zwei Arbeiten von Mertelsmann, an denen Herrmann gar nicht beteiligt war, kamen "Unregelmäßigkeiten" zutage. Die Szene ist in Aufruhr. Entpuppt sich der einstige Star als schwarzes Schaf? Oder sind hier wild gewordene Forschungsdetektive übers Ziel hinausgeschossen?

Zwar stürzte auch damals ein ehrenwertes Mitglied der scientific community. Doch der einstige Shooting-Star der deutschen Krebsforschung Friedhelm Herrmann und seine fälschende Kollegin Marion Brach wurden schnell als "Extremfälle" gewertet, die keinesfalls repräsentativ für die deutsche Forschung seien. Mit den jetzt aufgetauchten Vorwürfen drängt sich der Verdacht auf, dass es auch andere Forscher mit der Wahrheit nicht immer so genau nehmen. Jetzt zeigt sich, was die immer wieder beschworenen "Selbstheilungskräfte" der Wissenschaft und die inzwischen verabschiedeten Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis der DFG wirklich wert sind (siehe auch Seite 30).

Roland Mertelsmann muss sich nicht zum ersten Mal bohrende Fragen gefallen lassen. Immerhin hatte der überführte Fälscher Herrmann sich 1986 bei Mertelsmann in Mainz habilitiert und mit ihm von 1989 bis 1992 am Freiburger Universitätsklinikum zusammengearbeitet. Als "unglaublich kreativen bis genialen Wissenschaftler" lobte Mertelsmann damals seinen Oberarzt, mit dem er den Grundstock für seine späteren Gentherapie-Erfolge legte. Ist es vorstellbar, dass Mertelsmann in all dieser Zeit nie etwas von den Machenschaften seines Untergebenen bemerkte, dass die unzähligen Fälschungen allein auf das Konto von Friedhelm Herrmann gingen? Eine Freiburger Untersuchungskommission unter Vorsitz des Strafrechtlers Albin Eser stellte vor drei Jahren zwar "keine aktive Mitbeteiligung und auch keine zweifelsfreie Mitwisserschaft" von Mertelsmann fest, erinnerte den Klinikchef dennoch nachdrücklich an seine "Mitverantwortung".

Wenig später wurde von der DFG eine Task-Force eingesetzt, um den Fall Herrmann in allen Details aufzuklären. Die Forschungsdetektive unter Leitung des Würzburger Zellbiologen Ulf Rapp überprüften zunächst nur die Abbildungen in Herrmanns Publikationen und förderten schon mit dieser oberflächlichen Methode massenhaft "konkrete Hinweise auf Datenmanipulationen" zutage. Dann nahmen sie sich das Umfeld vor, in dem der muntere Fälscher gewirkt hatte. Bald wurden die Fahnder fündig: Auch in den Habilitationsschriften der Freiburger Oberärzte Albrecht Lindemann und Wolfgang Oster, die von Mertelsmann betreut worden waren, entdeckten sie gefälschte Abbildungen.

Die Reaktionen der Betroffenen waren stereotyp: Lindemann und Oster - wie zuvor schon Herrmann - beteuerten, von alldem nichts gewusst zu haben. Während Herrmann seinerzeit die Vorwürfe auf seine Mitarbeiterin Marion Brach abwälzte, schreiben Lindemann und Oster nun Herrmann die Schuld zu. Lindemann gab der Task-Force zu Protokoll, er selbst habe korrektes Datenmaterial erhoben, dann aber von Herrmann manipulierte Abbildungen zurückerhalten. "Ein Nachweis hinsichtlich Mittäter- bzw. Mitwisserschaft ist nicht zu führen", musste die Task-Force am Ende frustriert feststellen, fügte jedoch hinzu, "dass sich Herr Lindemann als Wissenschaftler disqualifiziert" habe.

Verständlich, dass sich der Verdacht der Würzburger Gutachter auch gegen Klinikdirektor Mertelsmann wandte. 245 Arbeiten, die dieser unabhängig von Herrmann publiziert hatte, unterzog die Task-Force einer groben Sichtung - ohne Ergebnis. Dann wählten die Fahnder fünf Arbeiten nach dem Zufallsprinzip aus und erbaten dazu aus Freiburg die Originaldaten. Prompt ergaben sich in zweien dieser Publikationen "Unregelmäßigkeiten". Besonders alarmiert waren die Würzburger, dass dabei auch in einer klinischen Studie mit Patienten "unwissenschaftlich gearbeitet wurde".