Eine kleine Meldung der vergangenen Woche: Amerikanische Wissenschaftler haben auf Pingelap, einer Insel im Westpazifik, eine erbliche Form von Farbenblindheit entschlüsselt. Das klingt zunächst mal so spannend, als wenn in China ein Sack Reis umfällt. Wo doch der Mensch, wie USPräsident Bill Clinton kürzlich formulierte, bereits die Sprache buchstabiert, in der Gott Leben schuf. Dennoch ist das Beispiel der Farbenblindheit auf Pingelap von Interesse; weil es anschaulich zeigt, dass zwischen der Realität im Labor und im Leben mitunter Welten liegen.

Nur auf speziellen Landkarten wird man Pingelap überhaupt verzeichnet finden. Zusammen mit sieben weiteren Atollen - Ant, Pakin, Nukuoro, Oroluk, Kapingamarangi, Mwoakil und Sapfwuahfik - gehört es zur Verwaltung von Pohnpei, einer Vulkaninsel auf halbem Weg zwischen Honolulu und Manila. Pohnpei wiederum ist Mitglied der Föderierten Staaten von Mikronesien, von deren Existenz auch nur die Wenigsten wissen: fast zwei Millionen Quadratkilometer Staatsgebiet, aber nur ein paar hundert davon über Meeresniveau. Der Rest ist Ozean.

Unter solchen Bedingungen kommt es vor, dass sich ein ursprünglich seltenes genetisches Merkmal nach den Gesetzen der Vererbung "herausmendelt". Auf Pingelap war es die Achromatopsie, eine vollständige Farbenblindheit, die viel schlimmer ist als die bekannte Rotgrünblindheit: Achromatopsie ist verbunden mit starker Sehschwäche, Augenzittern und extremer Lichtempfindlichkeit. In westlichen Ländern trifft das Leiden höchstens eines unter 30 000 Neugeborenen, auf Pingelap hingegen jedes zehnte. Weil angeborene Achromatopsie sich umgekehrt nur äußert, wenn beide Elternteile das defekte Gen besitzen, kommt jeder dritte gesunde Einwohner auf Pingelap als möglicher Überträger von "Maskun" (wörtlich: Nichtsehen, so heißt die Krankheit dort) infrage. Die Welt hätte von Pingelap, Maskun und anderen Exotika nie erfahren, hätten die Nationen des Westens nicht seinerzeit die Südsee unter sich aufgeteilt. Es kamen Forschungsreisende, Abenteurer, Walfänger, Missionare. Kurze Zeit hielten sich spanische Eroberer, dann kaufte das deutsche Kaiserreich die damals so genannten Karolineninseln für vier Millionen Dollar.

Forscher suchten auf den Inseln die Welt der edlen, wilden Schwarzweißseher

Nach den Deutschen ließen sich in den dreißiger Jahren die Japaner dort nieder, in den Sechzigern kamen die Amerikaner zum Atombombentesten. Aus jener Zeit sind den Mikronesiern das Fernsehen sowie spam geblieben, eine Form von Dosenfleisch, das in jedem Supermarkt zu haben ist und, in großen Mengen verzehrt, erheblich zum Übergewicht der Bevölkerung beiträgt; böse Zungen behaupten, die pazifische Sucht nach spam sei ein Überbleibsel des früher praktizierten Kannibalismus.

Vor diesem historischen Hintergrund setzte sich im August 1994 eine kleine Expedition nach Pingelap in Gang. Teilnehmer waren Oliver Sacks, Professor für Klinische Neurologie am Albert Einstein College of Medicine in New York, Verfasser zahlreicher populärer Bücher wie Awakenings (verfilmt mit Robin Williams und Robert De Niro), außerdem Knut Norby, ein norwegischer Physiker, selbst farbenblind, des Weiteren Robert Wassermann, ein amerikanischer Augenarzt, schließlich ein Kamerateam der BBC. Mit dabei im geistigen Handgepäck: die gesammelten Werke von Rousseau, Charles Darwin und Victor McCusicks Genkatalog Mendelian Inheritance in Man .

Sacks' Theorie lautete: Auf jener "Insel der Farbenblinden" namens Pingelap müsse sich ein wundervolles Beispiel für das Wirken von Mutation und Auslese finden lassen, eine Behinderung (Farbenblindheit), die sich angesichts besonderer Umstände (viel grüner Urwald, keine Straßenbeleuchtung) gar als Überlebensvorteil herausstellen könnte. Vielleicht sogar eine Urkultur des Schwarzweißsehens?