Es war Oswald Spengler, der nach dem Ersten Weltkrieg seinen Lesern empfahl, die angestaubten Lyrikbücher aus der Hand zu legen und vor dem Geist der Wissenschaft die Knie zu beugen. Denn nur dort, in der faustischen Kultur, heißt es in seinem Buch Der Untergang des Abendlandes, seien alle Welträtsel verschwunden. Jeder könne "die Lage seines Lebens endlich im Zusammenhang mit der Gesamtkultur übersehen". Mit dem Sieg von Wissenschaft und Technik "lösen sich alle Einzelprobleme, welche auf den Gebieten der Religionsforschung, der Kunstgeschichte und der Erkenntniskritik den modernen Geist leidenschaftlich, aber ohne den letzten Erfolg beschäftigt haben". Spengler war sich sicher: Alle Geheimnisse der Kultur sind gelüftet; die Urformel des Lebens liegt offen zutage. Jetzt müsse man nur noch den Zweifel des Intellekts überwinden und in den Lichtraum der technisch-wissenschaftlichen Zukunft eintreten. "Marine statt Malerei."

Etliches in den Reaktionen auf den Durchbruch der Genforschung erinnert an den vorwärts stürmenden Enthusiasmus, mit dem in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts der "planetarische Triumph" einer Wissenschaft gefeiert worden war, die glaubte, die letzten Rätsel der Schöpfung gelöst zu haben. Doch während manche Genforscher heute nicht recht wissen, welche Geister sie gerufen haben, werden ihre fachfremden Interpreten vom Zukunftswahn ereilt. Es gibt Bekehrungen sonder Zahl. Plötzlich wollen auch Geisteswissenschaftler optimistische Menschen werden und mutieren zu Genforschern; konservative Intellektuelle, die noch gestern das christliche Abendland gegen linke Kulturpiraten verteidigt haben, werfen ihren geistigen Proviant gleich tonnenweise über Bord. Die Genforschung, so rechnen sie den Ungläubigen vor, sei keine wissenschaftliche, sondern eine metaphysische Sensation, die uns endlich eine Totaldeutung aller Phänomene erlaube, eine Gesamtinterpretation der menschlichen Kultur. Nun sei objektiv Land in Sicht. Und während im Rücken die Sonne über Alteuropa untergeht, glänzen am Horizont die dorischen Portale der neuen Wissensgesellschaft. Vom natürlichen Leben enttäuscht, vom überirdischen Glauben verlassen, nehmen menschliche Heerscharen die Gesetzestafel der Zukunft entgegen: das Novum Sacrum, das neue biophilosophische Weltbild, mit dem "alle Einzelprobleme der Kultur gelöst sind".

Bei der Ausfahrt ins Kosmische kommt es auf Details nicht an. Es ist die Stimmung der großen Revision; offene Rechnungen werden beglichen, unerledigte Fälle neu aufgerollt, alte Schlachten neu geschlagen. Geschichtsphilosophische Spekulationen schießen ins Kraut. Besonderer Beliebtheit erfreut sich die Nachricht, das Genomprojekt zeige uns einen Fluchtweg aus dem anything goes der Postmoderne, einen Notausgang aus dem naturbelassenen Unglück unserer zählebigen, erbärmlichen und immer nur kritischen Gegenwart. Die neuen Meisterdenker erkennen in den Gensequenzen den Faden der Ariadne, mit dessen Hilfe wir unseren Irrgarten verlassen können, das Labyrinth der Endlichkeit, Krankheit und Tod. Celera Genomics sei Dank. Während Europas verweltlichte Religionen ihre Minderheiten gebührenpflichtig mit Lebenshilfe versorgen, entziffert ausgerechnet Amerika, was Gott an Informationen hinterlassen hat. Nach zweitausend Jahren theologischer Irrtümer und nutzloser Häresien sei der ontologische Gottesbeweis des Menschen endlich gefunden.

An solchen Verheißungen sind die Entdecker der ersten Stunde nicht unschuldig. Früher, so sagt James Watson, "glaubten wir, unser Schicksal läge in den Sternen. Wie wir heute wissen, liegt es in großem Maße in unseren Genen." Nun sprechen die frisch angelernten Freunde der Gentechnik in vorauseilender Selbstbewunderung zwar nicht vom Schicksal, sondern vom Text, was keinen Unterschied macht. Für sie ist das Genom das neue Buch der Bücher, das uns den ältesten Traum der Menschheit erfüllt: den Traum von der Lesbarkeit der Welt. In den Nucleodidsequenzen sollen wir die "Rechtschreibung des Lebens" (FAZ) erkennen, das Organon der Existenz. Oder, noch vollmundiger, das Genom sei das aufgeschlagene Buch der Gattungsgeschichte.

Auch das Frohlocken darüber, das genetische "Buch des Lebens" sei achthundertmal dicker als die Bibel, ist ein kalter Triumph. Es heißt nichts anderes, als dass die Sequenzierung des Genoms die biblische Offenbarung abgelöst hat. Mit dem Genom hielten wir endlich die spurlos vermisste, die heilige Urschrift der Welt in der Hand. Sie wäre das übergeschichtliche "Sein", das von der Entzifferungswut der Philosophen immer nur verfehlt und unter den Schutthalden ihrer Textmassen unkenntlich wurde, kurz: jene allgültige Partitur, nach deren Melodie die Zivilisationen ihre ewigen Tänze aufführen.

Nicht nur das. Wird erst einmal das Genom als die wahre Heilige Schrift betrachtet, also nicht nur als biologische Grammatik, sondern als Handlungsanweisung fürs Leben, dann stürzen alle andere Weltdeutungen zu einem Metaphernhaufen zusammen. Die Genschrift besiegelte das Ende des abendländischen Denkens, weil wir nun das unsterbliche Leben selbst vor Augen haben.

Und was erzählt die Neue Heilige Schrift über das Leben? Francis Crick, neben Erwin Chargaff und James Watson Entdecker der Doppelhelix, sagt, was übrig bleibt, wenn der natürliche Text des Lebens entziffert ist: "Deine Freuden und Leiden, Deine Erinnerungen und Zukunftswünsche, Deine Gefühle von Identität und freiem Willen sind in Wirklichkeit nichts weiter als das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und den dazu gehörenden Molekülen."