Die Papiere der Harry-Potter-Holding haben gestern deutlich an Wert verloren. Grund war das Gerücht, im neuesten Band würde Harry Potters beste Freundin Hermine den Wildhüter von Hogwarts, den liebenswerten, aber tumben Hagrid, heiraten und mit ihm nach Rumänien auswandern. Es werden ernste Einbußen bei der weiblichen Leserschaft prognostiziert, eine bedenkliche Entwicklung, die dadurch verstärkt wird, dass bereits nach einem Jahr das Scheitern der National-Quidditsch-League in den USA droht. Beobachter rechnen daher mit einer Fusion der bisherigen Monopolistin Joanne K. Rowling mit Donna Leon und Henning Mankell, um neues Vertrauen auf den internationalen Märkten zu schaffen.

Am Samstag ist es so weit. Der vierte Band des Hexen-und-Zauberer-Siebenteilers Harry Potter und ... erscheint am 8. Juli in England, wird von abgeschirmten Druckereien an die Buchhandlungen ausgeliefert, vor denen in langen Schlangen von der samstäglichen Schulpflicht befreite Leser harren. Zeitgleich wartet die Autorin in einer roten Dampflok am King's-Cross-Bahnhof und startet zu einer zweiwöchigen Triumphfahrt durchs Königreich. Golden tickets berechtigen jugendliche Leser-Anleger zu einer Teilnahme an Kleinaktionärsversammlungen, die Emission von 1,8 Millionen gebundenen Anteilpaketen in Großbritannien wird von einer flächengreifenden Plakatierung Londons begleitet.

Lektorin überfallen, meldet Bild, und alle Hoffnung schwindet, von zwei Autoeinbrüchen bei der englischen Manuskript-Geheimnisträgerin spricht der Sunday Telegraph. Obwohl sich der Inhalt ihrer gestohlenen Handtasche nicht vollständig rekonstruieren ließ, schien einiges zu fehlen: neben Lesebrille und Kaugummi die Wörter goblet, das bescheidene of und tief unten, zwischen Taschentüchern versteckt, fire. Also, Harry Potter und der Feuerkelch, so darf vermutet werden, die deutschen Leser müssen bis zum 14. Oktober warten, um 350 000-mal Gewissheit zu erhalten.

Schon lange hat sich die Kritik von der Deutung des Phänomens verabschiedet. Ob dahinter die Sehnsucht nach dem verlorenen Zauber der Welt steckt oder Groß und Klein nach einem spannend geschriebenen Fantasie-Mutmacher suchen - der schiere Erfolg lässt den Kritiker selig, also stumm zurück. Leichte Wehmut im Gedenken an anarchische Zeiten sind jedoch nicht zu leugnen: Harry Potter unser, Garant für die Unberechenbarkeit des Erfolges, Option für Märchen, da Cinderella im Café sitzt, sich ihren Prinzen selbst schreibt und damit zur drittreichsten Frau Englands aufsteigt (wer sind die anderen beiden?), nebenbei Kämpfer gegen Marketingkonzepte und McKinsey, er hat sich endgültig den Bloomsbury-Muggeln ausgeliefert, spielt deren Geheimnis-Spiel. Anleger warten.

Und doch: Ganz still ist es im Zimmer. Kein Comicquaken des Fernsehapparats, kein kurzatmiges elektronisches Fiepsen von Gameboy, keiner antwortet. Das Kind liest. Nur nachts muss das Buch in die Küche gelegt werden, damit es nicht umgeht.