Das jüdische Jahrzehnt ist vorüber. Das Jahrzehnt der Erinnerung an den Holocaust mit seiner Abfolge von Klageliedern und Brüchen, das die Schrecken der Nazivergangenheit mit den Ängsten vor einem wiedervereinigten Deutschland, das jüdische Leid der Vergangenheit mit der gegenwärtigen symbolischen (und nicht nur symbolischen) Macht der Juden verband, ging zu Ende mit den Verhandlungen über die Entschädigung für die Zwangsarbeiter und, besonders konkret, in Beton, mit dem Mahnmal in Berlin. Nun, der anhängigen Verfahren ledig, kann der Holocaust endlich als welthistorisches Ereignis aufgefasst werden, dessen Nachwirkungen die Menschheit noch weit in das neue Jahrtausend hinein begleiten werden, während die Juden - so lange Zeit seine einzigen Hüter - sich neuen Horizonten zuwenden können. Die historische Ironie hat gesiegt. Die Juden, jene als minderwertig angesehene Rasse, die aus Deutschland ausgemerzt werden sollte, sind im innersten Herzen der neuen deutschen Identität verewigt.

Aber welche Juden? Sind es die ermordeten Millionen, die bei Gedenkfeiern zufrieden heraufbeschworen werden, weil sie nicht mehr da sind? Oder sind es ihre israelischen Erben, die perfekten Verbündeten der neuen deutschen Beziehung zum jüdischen Staat, die auch eine Alibifunktion erfüllen, weil sie keine Deutschen mehr sind? Sind es ihre amerikanischen Vettern, die symbolischen Richter über die demokratischen Fortschritte Deutschlands, deren politischer Einfluss nach wie vor groß ist? Oder sind es die Juden im heutigen Deutschland, die deutschen Juden von morgen, deren Entwicklung, deren Wachstum mit Deutschlands eigenen Verwandlungen einhergehen? Die "korrekte" Antwort lautet natürlich: alle vier.

Die Rolle des verfolgenden Gewissens aufgeben

Stehen die Juden in Deutschland heute am Kreuzweg der deutschen Zukunft? Man hat schon die skeptischen Stimmen im Ohr. Selbst nach dem Zustrom der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion machen sie 0,1 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung aus. Außerdem: Wie kann eine Gemeinschaft, die in ihrer übergroßen Mehrheit keinerlei unmittelbare biologische, kulturelle oder historische Verbindungen zum alten deutschen Judentum aufweist, eine deutsche Rolle übernehmen? Und: Sollte sie das überhaupt, aus der Sicht wohlmeinender Deutscher? Ist es nicht politisch inkorrekt, von Deutschlands neuen Juden überhaupt etwas zu fordern? Sollte man sie nicht einfach in Ruhe lassen, dankbar dafür, dass sie überhaupt im ehemaligen Land der Täter leben?

Als zukunftsorientierte europäische Jüdin bin ich anderer Meinung. Für mich ist Deutschland mindestens ebenso wichtig wie das Italien meiner Herkunft, das Amerika meiner Ausbildung, das Frankreich, in dem ich lebe, das Europa, für das ich arbeite, und das Israel meiner demokratischen Hoffnungen und Sorgen. Im 21. Jahrhundert müssen sich die jüdischen und europäischen Paradigmen ändern. Die Vorstellung, Juden seien der "Lackmustest" für die pluralistische Toleranz eines Landes, ist eine gönnerhafte und passive Metapher, zumal für eine neue Generation von Juden, die sich frei entschieden hat, in Deutschland zu leben.

Die Bedeutung des jüdischen Lebens in Deutschland sollte eher in seiner unabgeschlossenen Komplexität liegen als in einer eingefrorenen politischen oder symbolischen Stärke, die sich aus der vergangenen Opferrolle speist. Die Juden sollten sich nicht mehr als verfolgendes Gewissen empfinden, denen eine ewige moralische Überlegenheit zu eigen ist, sondern als eine reale, lebendige Kraft, die am Kreuzweg sämtlicher Vergangenheiten Deutschlands, seiner Gegenwarten und Zukünfte nach einem eigenen schöpferischen Gleichgewicht sucht. Diese Vergangenheiten müssen jedoch weit mehr umspannen als die "offensichtliche" und judenspezifische Vergangenheit. Die Zukunft sollte pluralistisch sein, und die Juden sollten sich weigern, in selbst geschaffenen oder von außen zugewiesenen Holocaust-Nischen zu verharren. Kurz: Man sollte dem Nullsummenspiel "Deutsche gegen Juden" ein Ende machen.

Juden in Deutschland sind heute deutsche Insider, die verzweifelt versuchen, Outsider zu bleiben - also das Gegenteil ihrer nichtbiologischen Vorfahren in der Weimarer Republik. In den vor uns liegenden Jahren wäre es interessanter, deutsche und jüdische Brüche und gemeinsame Anliegen nebeneinander zu stellen, hervorzuheben, dass beide nur in einem europäischen und globalen Kontext und in einer besonderen Beziehung zu Israel mit sich selbst im Reinen leben können. Viel wurde geschrieben über die Mauer im Kopf, die Wessis von Ossis trennt, aber nur wenige haben auf die noch bedrohlichere kulturelle Mauer hingewiesen, die im Nachkriegsdeutschland die verschiedenen Arten Juden voneinander trennte. Denn sie hatten eine noch brüchigere Geschichte, in der existenziell unvereinbare Identitäten zusammenstießen, und diese Konfrontationen wurden von der internationalen jüdischen Welt schärfer stigmatisiert als von Deutschland selbst.