Einmal schrieb vor langer Zeit ein Dichter verblüfft seiner Liebsten, das Wunderlichste am Zusammenhang der Dinge sei, dass eben die wichtigsten Ereignisse, die dem Menschen begegnen können, keinen Zusammenhang haben. Eine Art Liebeserklärung an die Welt und eine Bemerkung, die von A bis Z auch auf Nadia Buddes neues ABC-Buch zutrifft. Das bescheinigt dem blonden Boxer mit Backenbart einen beachtlichen Briefbestand und unterbreitet einem Uhu in übergroßer Unterhose unterwegs am Urlaubsstrand ein ungewöhnliches U-Boot. Wie hinge all dies zusammen?

Der Zusammenhang der verstreutesten Dinge besteht zweifellos, die junge Künstlerin und Mutter Nadia Budde hat es Seite für Seite erwiesen: Durch je einen Buchstaben nämlich hängen ihre Fundstücke zusammen - den eitlen Elch und sein Eilpaket verbindet mit dem ekligen Essig-Elixier das Initial E, die Katzen in Kittelschürzen, die Kümmelstangen kürzen, hängen durch den Buchstaben K mit ihren Koexistenzen zusammen und Wölfe, die auf Wollwesten warten, verknüpft das W mit dem Winterwetter im Wald. Zeichnungen, die jenseits aller süßen Kindlichkeit dem skurrilen Detail huldigen, führen im Bild zusammen, was im Kosmos der Worte durch gemeinsame Initialen zusammenklingt. Das ist in Zeiten allgemein bedauerter Orientierungslosigkeit keineswegs wenig, und falls man nicht bereits lesen könnte, würde man es mit diesem Buch gern lernen.

Ein schöner Zufall (doch wer wollte mit diesem Büchlein in der Hand noch an Zufälle glauben?) hat dafür gesorgt, dass Buddes ABC-Buch in dem Moment ausgezeichnet wird, wo die Öffentlichkeit mit dem Buchstabensalat des entzifferten Genoms befasst ist und meint, die natürliche Ordnung der Dinge nun vor Augen zu haben. Vier Buchstaben liegen dem Genom zugrunde, 26 hingegen bietet das Alphabet! Die vermeintliche Lesbarkeit der Natur kollidiert aufs Schönste mit der grenzenlosen Weite der Welt, welche die Buchstaben der menschlichen Sprache eröffnen.

"Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eröffnet", heißt es vor über 200 Jahren in Karl Philipp Moritz' Anton Reiser im hohen Ton der Lesekultur, die der Aufklärer zu begründen half. Nadia Budde ist davon so weit entfernt wie das Genomprojekt von der klassischen Naturphilosophie, und dennoch nimmt sie den Wettbewerb mit dem Computer so entschlossen auf wie einst Moritz den Kampf gegen den Analphabetismus.

Noch das reizvollste elektronische Lesespiel kennt nur die Varianten, die mal ein Mensch hineinprogrammiert hat. Das ABC-Buch von Budde aber verspricht: Wenn Alma Appetit auf Austern mit Anchovis hat und Arnold Appetit auf Ameise, dann steht keineswegs fest, was Achim abends, allerdings achtmal, anbeißen könnte. Fest steht da gar nichts, und nichts lässt sich ein für alle Mal planen. Falls das jemanden traurig stimmt, schlage er unter T nach, T wie traurig: Dort toastet der traurige Tiger Tomaten, Turbo steht auf dem Toaster und T auf dem Teebeutel, das Telefon neben der Tür, und Tomatenkisten türmen sich am Tische. In solcher Gesellschaft kann man nicht lange traurig sein, ohne zu überlegen, was noch alles mit T anfängt. Tausendfüßler tanzen toll Tango, Tütensuppen tropfen tunlichst tagsüber ...

LUCHS 163 wurde ausgewählt von Amelie Fried, Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 6. Juli, 14.05 Uhr, stellt Radio Bremen 2 - Funkhaus Europa seinen Hörern das Buch vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch mit der Rezensentin ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de

Nadia Budde:Trauriger Tiger toastet Tomaten Hammer Verlag, Wuppertal 2000; 42 S., Abb., 29,80 DM