Am Anfang stand ein frommer Wunsch von Angela Merkel. Als Erste sagte sie, die Union müsse künftig ohne Helmut Kohl leben: "Wir kommen nicht umhin, unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen." Das war im alten Jahr. Jetzt schreiben wir das Jahr 2000 und Kohls Schatten verdunkelt auch das neue Dreigestirn Merkel, Merz und Polenz. Noch im Niedergang erdrückt der Alte seine Nachfolger. Und je weniger die Neuen Autorität gewinnen können, desto stärker wird der Wunsch in der Union, dann doch wenigstens mit der Ur-Autorität Kohl im Frieden zu leben - also auch im Zustand der fortgesetzten Unterwerfung unter seine Vorstellung von Staat und Partei, Politik und Macht.

Der Skandal zieht immer neue Skandale nach sich: Kohl sagt nichts, die Akten sind vernichtet, und die Unions-Mitglieder im Untersuchungsausschuss kriechen vor dem Gegenstand ihrer Neugier jämmerlich zu Kreuze - in rechtswidriger Konspiration gegen das Parlament. Helmut Kohl verfährt nach dem Motto: Mir kann keiner, mich können sie alle. Das war und bleibt das System Kohl, in einem Satz konzentriert. Der Altkanzler verteidigt also nicht nur einen "Fehler" (wie er sagt), nicht nur eine Panne, sondern - sein Prinzip. Ginge es ihm bloß um eine Episode, wie schnell könnten ihn die angeblichen, die anonymen Spender von seinem "Ehrenwort" entbinden. Nein, es geht ihm ums Ganze, nämlich um sich. Er verteidigt nicht seine Ehre, sondern sein Ego.

Das System Kohl

Gerade in Deutschland, in dieser verspäteten Nation mit ihrer verspäteten Demokratie, verdient - zumal nach dem Fehlstart der Weimarer Republik und der Katastrophe des "Dritten Reiches" - die Pflege der Institutionen und der geordneten Verfahren immer noch besondere Aufmerksamkeit, also die Achtung vor der geschriebenen wie der ungeschriebenen Verfassung. Im Blick auf unsere politische Kultur wirkte die Kanzlerschaft Helmut Schmidts (von politischen Programmen ganz abgesehen) ausgesprochen vorbildlich - der Regierungsstil Helmut Kohls hingegen als Rückschlag, und zwar, wie wir jetzt sehen, weit über das Ende seiner Amtszeit hinaus.

Auch früher schlug die Macht gelegentlich über die Stränge, schon vor Kohl wurden im Kanzleramt parteipolitische Hand- und Spanndienste verrichtet, deren Spuren nicht bis in die Registratur zu verfolgen waren. Und Untersuchungsausschüsse dienten seit jeher neben der Wahrheitsfindung auch dem Machtkampf. Aber in der Ära Kohl ist die Personalisierung der Macht, ist die Entinstitutionalisierung der Politik und die Austrocknung diskursiver Verfahren ins Extrem getrieben worden. Kohls Formel, dass es ihm nicht um das Verfahren gehe, sondern darum, "was hinten herauskommt", ist der durch nichts zu überbietende Ausdruck dieser Tendenz.

Die Gefahr solcher Entwicklungen besteht darin, dass das, was man vielleicht, augenzwinkernd, für ein Gewohnheitsrecht halten könnte (die Macht dürfe gelegentlich über die Stränge schlagen), zu einem Gewohnheits-Unrecht wird. An dieser Stelle einen klaren Strich in den Wüstensand zu ziehen - das wäre die eigentliche kathartische und pädagogische Funktion des Untersuchungsausschusses; dass er an dieser Aufgabe wahrscheinlich scheitern wird, dürfte seine wahre Katastrophe werden.

Die Folgen des Skandals wie des Systems treffen zunächst die Union selber, sodann aber die politische Kultur insgesamt. Derart extrem personalisierte Herrschaftsstrukturen wie das System Kohl trocknen nicht nur innerlich aus, sie erzeugen zudem - anders als die Wachwechsel in institutionalisierten Herrschaftsformen - massive Übergangs- und Ablösungsprobleme. Die unmittelbaren Nachfolger (in diesem Falle Männer wie Schäuble) sind noch viel zu sehr vom Vorgänger gezeichnet, als dass sie Abstand und innere Souveränität gewinnen könnten. Die Nach-Nachfolger hingegen, zumal wenn sie im Gefolge eines Skandals wie durch eine Kulturrevolution regelrecht ins Amt geschleudert werden, entbehren jeglicher Anfangsautorität und Erfahrung. Sie fühlen sich zwar unbefangen und waren nicht verstrickt - sind zugleich aber auch nicht richtig verwurzelt.

Am Anfang freuen sich Partei und Fraktion über die neuen Gesichter, aber schon am nächsten Tag maulen sie, vollkommen autoritätsfixiert, über die notwendigerweise fehlende Routine der "Laienspieler". Zu Beginn wollten Merkel, Merz und Polenz noch aufklären und zu neuen Ufern aufbrechen, auch zu einer sachbezogeneren Politik. Inzwischen verliert die Aufklärung an Attraktivität - ja, sie wird im Ausschuss geradezu sabotiert. Und die sachliche Politik weicht erst einmal einer sinnlosen Polarisierung, als ob's der Machtbefestigung im eigenen Lager diente.