Die Nachricht von der Verhaftung des Medienunternehmers Wladimir Gusinskij löste in Moskau eine Welle der Empörung aus. Niemand hatte damit gerechnet, dass die russische Generalstaatsanwaltschaft einen Monat nach der spektakulären Durchsuchung der Media-Most-Holding am 11. Mai so weit gehen würde, den Chef des größten privaten Medienunternehmens Russlands einfach zu inhaftieren. Die Medienholding vereint unter ihrem Dach das beliebte Moskauer Radio Echo Moskwij, das Wochenjournal Itogi (das in Zusammenarbeit mit Newsweek erscheint), die Tageszeitung Segodnja und vor allem NTW, zu Deutsch Neues Fernsehen, das einzige private Fernsehprogramm, dessen Reichweite mit den beiden staatlichen Sendern ORT und RTR vergleichbar ist. Die Festnahme Gusinskijs wurde von den Chefredakteuren dieser Massenmedien als aggressiver Schlag des Kreml gegen die Pressefreiheit verstanden. Unter der Überschrift "Wunschträume des Kreml" präsentierten sie sich im Internet auf einem Gruppenbild mit Handschellen.

Erst die nachdrückliche Unterstützung, die Gusinskij als Exponent der freien Medien aus dem In- und Ausland erfuhr, bewirkte nach drei Tagen seine vorläufige Freilassung gegen Kaution. Unterdessen gab der Gegenspieler Gusinskijs, der Geschäftsmann Beresowskij, dem Spiegel ein Interview und wies nicht ohne Genugtuung auf die "unkonstruktive Opposition" der Most-Medien hin: "Was immer von Putin kam: Alles wurde heruntergemacht. Gusinskij musste sich darüber im Klaren sein, wohin das führen würde." Beresowskij hingegen hatte den Kreml in Parlaments- wie Präsidentschaftswahlen maßgeblich unterstützt. Seitdem konnte er seine starke Position ausbauen. Über hohe finanzielle Beteiligungen kontrolliert er faktisch den größten Fernsehsender Russlands, die ORT-Aktiengesellschaft, die sich zu 51 Prozent im Staatseigentum befindet.

Bei der Durchsetzung der von Putin propagierten "Diktatur des Gesetzes" treten immer wieder Ungereimtheiten auf. Das zeigte schon die Durchsuchung der Media-Most-Büros. Auf die Klage von Media Most hin entschied das Gericht in erster Instanz, dass die staatlichen Ermittler mehrere Vorschriften der Strafprozessordnung verletzt hätten. Außerdem musste die Generalstaatsanwaltschaft zugeben, dass die Gegenstände und Dokumente, die Geheimdienst-General Sdanowitsch am Tag nach der Durchsuchung im Fernsehen präsentierte, mit den Ermittlungen gegen Media Most nichts zu tun hatten. Die Fernsehzuschauer sollten aber glauben, es sei ein schon lange notwendiger Schlag gegen eine Art Privatarmee erfolgt. Die bekannten Fernsehkommentatoren Dorenko und Swanidse deuteten sogar das Vorliegen einer amerikanischen beziehungsweise jüdischen Verschwörung gegen Russland an - Antisemitismus und Spionomanie im ersten und zweiten staatlichen Fernsehprogramm Russlands.

Die neue Medienpolitik des Kreml hat die Stimmung unter den Journalisten beträchtlich verschlechtert. Wie der Eifer zeigt, mit dem NTW den jungen Präsidenten und seine Mannschaft in Nachrichtenmagazinen und Satireshows verprellt, hat Media Most derzeit offenbar nicht mehr viel zu verlieren. Im Übrigen scheint auch die einstmals relativ starke finanzielle Position der Media-Most-Holding dahingeschwunden zu sein. Eigentlich fragt man sich heute, wie ein Sender wie NTW in Russland überhaupt so groß werden konnte.

Seine Unabhängigkeit verdankt NTW nicht nur der Tüchtigkeit seiner Mitarbeiter, sondern auch einer Reihe von glücklichen Umständen. Während der letzten sieben Jahre konnte sich der Sender einen Balanceakt zwischen loyalem Verhalten und selbstständiger Programmpolitik leisten.

Im Oktober 1993 von bekannten Journalisten und ehemaligen Mitarbeitern des Informationsdienstes des Staatsfernsehens gegründet, erwarb NTW schnell den Ruf guter, sachlicher Berichterstattung. Hilfreich war außerdem das wirtschaftliche Geschick Gusinskijs, der zunächst im Immobiliengeschäft tätig war. Die Reichtümer, die er zu Beginn der neunziger Jahre durch Immobiliengeschäfte und erfolgreiche Spekulationen anhäufte, investierte Gusinskij zum großen Teil ins Mediengeschäft, vor allem in den Ausbau von NTW. 1995 machte sich NTW mit ungeschönten Kriegsbildern aus Tschetschenien einen Namen und bewirkte, dass sich sogar das zweite staatliche Fernsehen RTR der kritischen Berichterstattung anschloss. Bei den Präsidentschaftswahlen von 1996 favorisierte NTW in Ermangelung eines anderen Gegenkandidaten zum Kommunistenführer Sjuganow den Amtsinhaber Boris Jelzin. Nach der gelungenen Wiederwahl erhielt NTW als Belohnung für die Unterstützung Jelzins die starke Frequenz des vierten Kanals zugeteilt.

Einen entscheidenden Rückschlag erlitt die Media-Most-Holding Ende 1999. Die staatliche Außenhandelsbank kündigte einen Kredit von 42 Millionen US-Dollar und lehnte sowohl eine Verlängerung als auch eine Annahme von Obligationen kategorisch ab. Es wurde vermutet, dass hinter dieser Rückforderung in Wirklichkeit Boris Jelzins "Kreml-Familie" stand.