Das Internet droht eines seiner interessantesten Archive zu verlieren: Deja.com, Betreiber der umfassendsten Sammlung alter Usenet-Diskussionen, hat einen Teil seiner Server vom Netz genommen, und es ist noch nicht klar, ob und wann sie wieder verfügbar sein werden. Viele Nutzer reagierten mit Entsetzen auf die Nachricht, und das Onlinemagazin Salon verstieg sich zu einem gewagten Vergleich: "Wir verbrennen keine Bücher mehr, wir stöpseln nur die Server aus."

Eine Web-Seite, so sagen uns die Statistiker, hat eine durchschnittliche Lebensdauer von etwa sechs Wochen, dann verschwindet sie im digitalen Vergessen. Es sei denn, jemand speichert sie vorher ab. So gibt es in San Francisco das Internet Archiv von Brewster Kahle, der auf riesigen Festplatten unentwegt "Schnappschüsse" des gesamten World Wide Web sichert.

1995 kam der Newsgroup-Fan Steve Madere auf die Idee, sämtliche Wortbeiträge in den Usenet-Foren zu archivieren und auf einer Website zugänglich zu machen - die Binärdateien, ohnehin meist Pornobilder, ließ er außen vor. Auf Dejanews konnte man komfortabel aktuelle und alte Beiträge lesen, ohne spezielle Programme, so genannte Newsreader, benutzen zu müssen. Es war aber auch möglich, sich etwa sämtliche Beiträge herauszusuchen, die ein bestimmter Nutzer je geschrieben hat. So war Dejanews ein faszinierendes Rechercheinstrument, das aber andererseits jedem Datenschutz Hohn sprach.

Diese interessante Idee war leider kein lukratives Geschäft. In den Pioniertagen des Internet war das Usenet noch eine der wichtigsten Internet-Anwendungen. Inzwischen findet man in den meisten Foren zwischen dem Werbemüll kaum noch die relevanten Inhalte, und von den Netz-Neulingen, die ja stets die Mehrheit darstellen, kennen nur noch wenige die Spezialabteilung mit den über 10 000 Diskussionsgruppen. Ein Minderheitenprogramm also.

Im vergangenen Jahr änderte die Firma ihre Strategie: Aus Dejanews wurde Deja.com. Fortan sollte die Site vor allem eine Einkaufshilfe für Online-Shopper sein, wo sich die Nutzer gegenseitig Produkte empfehlen. Unzählige Top-Ten-Rankings kann der konsumfreudige Surfer dort nun abrufen. Die Newsgroups dagegen sind in die Schmuddelecke verdammt. Und als Deja im vergangenen Monat in neue Büros umzog, klemmte man die Server mit den Usenet-Schätzen aus den Jahren vor 1999 erst einmal ab. Sie sollen später in diesem Jahr wieder ans Netz, das wird versprochen. Aber irgendwann, das ist vorhersehbar, wird der Aufwand der Usenet-Archivierung für Deja.com wohl zu groß werden.

Man kann es der Firma kaum übelnehmen. "Die Götter des Internet haben nicht verfügt, dass Deja jetzt und immerdar die einzige Lagerstätte des Usenet sein soll", formulierte ein Surfer in der Newsgroup alt.fan.dejanews . Wohltätigkeit ist eine Tugend, aber sie ist nicht einklagbar. Das mussten auch die Nutzer der Diskussionsforen von Spiegel online einsehen, als ihr Gastgeber vor einigen Monaten kurzerhand ein Archiv mit alten Diskussionen vom Netz nahm. Der Aufschrei war groß, aber auch hier galt: Wer seine eigenen Äußerungen wirklich sicher vor dem digitalen Tod bewahren will, der muss sie selbst speichern. Die ZEIT im Internet stellt im nächsten Monat ihre Debatten-Software auf ein neues System um, verspricht aber, die Sammlung der alten Beiträge zu erhalten.

Eine andere Frage ist, ob sich jede Äußerung, die im Netz getan wird, dazu eignet, ewig gespeichert zu werden? Möchte jeder Diskutant auch in 20 Jahren noch seiner einst in der Hitze der Debatte getanen politischen Äußerung wiederbegegnen, etwa bei der Bewerbung um einen Job? Vergessen kann auch eine Gnade sein.