Geheimagenten sind das Vorbild aller Unternehmensberater. Sie operieren weltweit und wohnen bevorzugt in Hotels, sie fliegen viel mit dem Flugzeug, sie kleiden sich adrett, zeitgemäß, aber nicht zu auffällig, sie sind jung und ehrgeizig, arbeiten professionell und effizient, gehen auch über Leichen, sie haben eine gute Ausbildung, beherrschen mehrere Sprachen und treten selbstbewusst auf, sie hantieren souverän mit Handys, Laptops und anderem technischen Gerät, vor allem aber werden sie gerufen, wenn andere nicht mehr weiterwissen. Diese Alleskönner sind unsere Allesretter, ihr Metier ist das für uns Unmögliche, ihr Motto lautet - Mission: Impossible . Einen Einblick in die schöne neue Unternehmensberaterwelt gab uns in den sechziger und siebziger Jahren bereits eine halb dokumentarische Fernsehserie gleichen Namens. Mitte der Neunziger eroberte der business-consulting film dann auch die Kinos. Mission: Impossible, so lautete immer noch der Titel, lief dort sehr erfolgreich. Nun kommt die Fortsetzung.

Eingeweihte sprechen von M:I-2 . Wie schon in der ersten Folge spielt Tom Cruise den Geheimagenten/Unternehmensberater Ethan Hunt. Alles beginnt in der steinigen Wüste von Utah, einer atemberaubenden Naturkulisse. Nach einem anstrengenden Einsatz hat sich Hunt dort zum chill out zurückgezogen; Free-climbing steht auf dem Programm, höchste Schwierigkeitsstufe, versteht sich. Der Mann ist in Topform, auch in der Freizeit verlangt er sich das Letzte ab. Doch er bleibt nicht lange allein, sein Chef hat ihn auch an diesem entlegenen Ort ausfindig gemacht. Per Hubschrauber wird ihm, kaum dass er am Gipfel angekommen ist, ein Dossier für seinen nächsten Einsatz überreicht. Das Dossier hat die Gestalt einer Brille, ist im Innern freilich ein High-Tech-Utensil aus den Labors der Virtual Reality. Hunt setzt sie auf, und die Berglandschaft ist verschwunden. Dafür hat ihn die Wirklichkeit seines harten Broterwerbs wieder, er sieht jetzt einen Film, der ihn mit den nötigen Instruktionen versorgt.

Hunt beginnt mit der Rekrutierung des geeigneten Personals. In Spanien findet er die überaus reizvolle Nyah Hall (Thandie Newton), eine international gesuchte Meisterdiebin. Außerdem steht ihm der bewährte Computerspezialist Luther Stickell (Ving Rhames) zur Seite. Gemeinsam sollen sie ein tödliches Virus aufspüren und sicherstellen. Ein Arzneimittelkonzern hat es einst zur Bekämpfung von Krankheiten entwickeln lassen, nun aber ist es außer Kontrolle geraten.

Im Einsatz für die Gemeinde glücklicher Endverbraucher

Die Zeit drängt, da auch der Bösewicht Sean Ambrose (Dougray Scott) ein Auge auf die menschheitbedrohende Arznei geworfen hat. Zwischen Hunt und Ambrose kommt es zu einer erbitterten Konkurrenz um die beste Geschäftsidee: für Geld und Ehre die Gesellschaft vor der tödlichen Gefahr retten oder mit Furcht und Schrecken das Geld von der Gesellschaft erpressen. Unternehmensberater Hunt scheint sich seiner Sache vorerst sicher, er will die Sphäre der Zirkulation - Inbegriff unserer marktförmigen Zivilisation und unseres komfortablen Lebens - vor der ultrainfektiösen und hyperinflationären Ausbreitung des zerstörerischen Gifts bewahren. Merke: Wer sein Leben verliert, verliert auch sein Geld (und umgekehrt). Doch die Ereignisse überstürzen sich, als Hunt, zugleich ein Mann im besten Alter und in seine diebische Teamparterin Nyah verliebt, erfahren muss, dass ausgerechnet sie einmal mit Ambrose liiert war. Kann er ihr überhaupt noch trauen?

Hunt gewinnt allerdings bald die Fassung wieder, er macht seine Selbstzweifel produktiv und schickt Nyah zu Ambrose. Sie soll den Bösen bezirzen und damit von seinem finsteren Treiben ablenken. Das gelingt ihr ganz gut, wenigstens eine Weile. Denn Nyah fügt sich nur scheinbar in ihr Schicksal. Als es zum Showdown kommt, will sie Hunt ihre Liebe beweisen und entschließt sich zum Selbstopfer. Sie spritzt sich die letzte Ampulle des tödlichen Virus; wenn sie stirbt, dann mit ihr auch das Virus. Hunt ist von so viel Engagement derart gerührt, dass er sich endlich durchringen kann, sie nicht nur zu lieben, sondern sogar zu retten. Sein Konkurrent Ambrose aber, auch nicht dumm, hat es ebenfalls auf Nyah abgesehen. Weil das Virus in ihrem Blut überlebt, solange sie am Leben bleibt, muss er sie vor dem Tod bewahren, bis er das Virus hat. Im Körper der Frau kreuzen sich die Begehrlichkeiten der Männer. Merke: Die Liebe eines Unternehmensberaters erringt nur, wer sich selbst zu opfern bereit ist. Beziehungsprobleme komplizieren das Weltrettungsunternehmen ganz ungemein. Es blitzt, donnert und kracht aus allen Kalibern, die Höllentore sind weit geöffnet, ein Inferno aus Flammen und Bosheit bricht herein. Doch in diesem Gewitter kündigt sich Erlösung an. In ihm verdampft alles Verbrecherische und findet zurück in wohl geordnete Bahnen.

Wie durch ein Wunder schafft Hunt das Unmögliche. Mit leichten Blessuren trägt sein Team den Sieg davon. Computerspezialist Luther hat nur etwas Schmutz an seinen 800-Dollar-Schuhen von Gucci und ein hässliches Loch in seinem Versace-Anzug. Auch Nyah, fast schon schöne Leiche, kehrt wieder ins Leben zurück, Wiederauferstehung einer Heiligen. Und siehe: Die Sonne scheint, Menschen feiern ein großes Volksfest, Brüder und Schwestern allesamt. Unsere Helden kehren zurück in das fröhliche Getümmel wie in die versöhnte Menschheitsgemeinde glücklicher Endverbraucher. Protestantische Ethik made in Hollywood, Himmelfahrt des Kapitals.