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So viele große Blonde mit klobigen schwarzen Schuhen. Ein paar zarte Brünette in engen Tops und tiefer gelegten Cargo-Pants. Dazwischen Dreadlocks, Glatzen, Igel und sogar ein Scheitel über Sonnenbrillen, T-Shirts und Shorts. Bahnsteig 3 des Hamburger Busbahnhofs erinnert an diesem Samstagmorgen an den Pausenhof einer Gesamtschule. Und alle müssen sie ganz viel rauchen.

Um 9.30 Uhr fährt der Bus namens Der Buxtehuder ab: Richtung Spanien, Costa Brava, Lloret de Mar. Er hat zwei Stockwerke, getönte Panoramascheiben und an Bord 70 Kids zwischen 16 und 20 Jahren, mehrere Kilo Haargel in verarbeiteter Form sowie tonnenweise Erwartungen: "Fußball. Ficken. Alkohol" - das schwarz-rot-goldene TShirt des Scheitels ist Programm. Jetzt sind sie on the road: Banklehrlinge, Dachdecker, Gymnasiastinnen, Zivis und Schwesternschülerinnen. Dem wilden Leben entgegen.

Die fünf aus Othmarschen gönnen sich schon mal eine Flasche Martini. Joe, der Reiseleiter, startet ein Quiz: Was bedeutet Costa Brava? "Wilde Küste, klar." Was glaubt ihr, wie viele Discos und Kneipen gibt es in Lloret? Weniger als 20? Rund 50? Von wegen: "Über 100." Dreadlocks stößt Til Schweiger triumphierend in die Seite: "Was sag ich, Alter!" Das wilde Leben, ganz klar.

Joe erläutert die Rainbow-Spezialangebote: eine Club-Card für 35 Mark, die den Eintritt in einige Discos und die Getränke dort verbilligt. Auch Bungeejumping, Tauchen und ein Besuch im Dalí-Museum stehen auf der Liste. "Ganz dringend ans Herz, weil immer gleich ausgebucht", legt Joe seinen Kunden die Beachparty. "Ganz viele Leute in eurem Alter in einer extra Bucht. Hamburger, Sangria und Bier satt. Dazu Banana-Riding, Wasserski - alles ist im Preis enthalten." Der beträgt stolze 66 Mark.

Am nächsten Morgen ist das wilde Leben schon viel näher gerückt. Ein bißchen gezähmt haben die Spanier es freilich mittlerweile - Joe verabreicht die Wahrheit in homöopathischen Dosen. Liebe am Strand? Wird schwierig, denn neuerdings beregnet die Stadt Lloret ihn extra abends mit Wasserwerfern. Trinken auf den Straßen? Lieber nicht. Es ist verboten, und die Polizisten seien nicht gewillt, darüber zu diskutieren. Schließlich die Hotels: In einigen gebe es Sicherheitsleute, die in den Zimmern nach Alkohol und unerwünschten Besucherinnen schnüffelten und sogar Strafpunkte verteilten. Zwei Treffer - und man schlafe neben dem Pool. Drei - und man fahre nach Hause.

Lloret kommt in Sicht. Das 19 000-Seelen-Städtchen weist 60 000 Hotel- und Appartementbetten auf und muss während der Saison täglich mit 150 000 urlaubsseligen, trinkfreudigen, amüsiergewillten Urlaubern fertig werden. Heute, am Samstag, dem Wechseltag, fahren zwischen 300 und 400 Busse die Stadt an. Auf die Kids aus Norddeutschland hat Lloret gerade noch gewartet. Die müssen jetzt noch einen Dämpfer wegstecken: Sie kommen nicht gemeinsam in zwei oder drei Hotels unter, sondern werden auf sieben verschiedene verteilt. Egal: Man sieht sich! Spätestens zur Eröffnungsparty im Revolution.

Um 22 Uhr ist die 2000 Menschen fassende Disco fest in deutscher, in Rainbow-Hand. Der Eintritt ist gratis, es gibt einen Begrüßungssekt, während der Happy Hour kostet das Bier nur 300 Peseten. "Die wollen uns anfüttern", grinst die Glatze aus Pinneberg. Dann startet die Party: Mambo Nr. 5 zwischen Palmen und Spiegeln, Disco all night long .

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Das Discoviertel von Lloret wird eine Woche lang zum Lebensmittelpunkt. Tausende junger Leute aus ganz Europa schieben sich durch die engen Gassen, umworben von den Anreißern der Discos. Gelb-rote Neonsäulen leuchten auf, blaue Laserfinger tasten durch die Nacht. In den offenen Höfen wird gegessen, getanzt und gelacht. Es riecht nach Deos, Bratfett und Parfüm, auf den darüber liegenden Balkonen der Hotels sitzen junge Leute wie in Waben und prosten nach unten, und mitten durchs Gewühl drängt ein Trupp und grölt: "Wir, wir sind von Rainbow Tours." Da haben sie es, das wilde Leben.

Mit den Hotels wiederum ist es eine andere Sache. In den "gemütlichen Mehrbettzimmern" blüht schon mal der Schimmel, die Klospülung fällt aus, und morgens um acht Uhr werfen die Bauarbeiter die Presslufthämmer an. Fünf Mädchen aus Hamburg werden in ein Zimmer gesteckt - als Ausgleich erhalten sie die Clubkarte. Gerüchte kursieren: Lloret sei hoffnungslos überbucht, zwei Neckermann-Busse voller Touristen seien mit ihrer Fracht geradewegs wieder umgekehrt. Was für ein Glück dann, überhaupt hier sein zu dürfen! "Hauptsache, die Alten sind 2000 Kilometer weit weg."

Wer um fünf Uhr zu Bett geht, verzichtet gern auf ein dürftiges Frühstück um neun. Zumal sich in Lloret preiswert essen lässt: Fad-Food aus ganz Europa - Pizza, Döner, Fritten. Auf Schlemmer aus Deutschland wartet das Schnitzel in Champignonsoße, die Holländer finden Belegde broodjes und Frikandel, und kein Brite muss auf sein English breakfast verzichten. Erstaunlicherweise kann man auch gut essen in Lloret, sogar spanisch. Doch Restaurants wie La Mezquita oder Ca L'Angel liegen nicht im Zentrum. Und keines der Kids kriegt sie je zu Gesicht.

So geht die Zeit dahin, und jede Gruppe schafft sich ihren eigenen Takt. Die fünf aus Othmarschen tauchen jeden Tag um zwölf Uhr am Strand auf, der sich 30, 40 Meter breit in die Bucht schmiegt und mit seinem groben hellgrauen Sand, der Mauer und der Uferpromenade samt Palmen alles aufweist, was einen perfekten Urlaubsstrand ausmacht. Aus zusammengekniffenen Augen blinzeln sie ins Licht, stapfen in Richtung der schwarzen Totenkopfflagge, Treffpunkt von Rainbow, rollen Bastmatten aus, verbuddeln ein paar Flaschen Bier im Sand und schmieren sich gegenseitig mit Sunblocker Faktor 20 zu.

Zwölf Betreuer hat Rainbow in Lloret, die meisten nur etwas älter als ihre Kundschaft. Um 14 Uhr ruft die Pflicht: Spiele veranstalten, bei denen es darum geht, möglichst viel Tetrapak-Sangria in offene Münder zu spritzen; Volleyballteams zusammenzustellen; Strandolympiaden zu organisieren. Tapfer ziehen sie das Ding durch, ehe sie sich wieder der Kür widmen dürfen: auch für diese Nacht etwas fürs Bett zu organisieren.

Baden und Sonnen, Saufen und Rauchen

Die fünf aus Othmarschen bleiben außen vor. Sie braten sich, studieren fachkundig die echten, aufgemalten oder geklebten Tattoos der Nachbarn, toben ein paar Runden durchs Wasser und lassen sich wieder stöhnend vor Urlaubsglück in den heißen Sand fallen: Baden und Bummeln, Saufen und Sonnen, Abfeten und Anbaggern - mehr muss wirklich nicht sein.

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Die mit der Stirnfalte nimmt einen Bus in den Vergnügungspark Port Aventura, steigt in den Dragon Khan, die weltweit einzige Achterbahn mit acht Schleifen und einer Abfahrtsgeschwindigkeit von 110 Stundenkilometer, und kommt abends mit immer noch zitternden Knien zurück - lange beneidet von ihren beiden Freundinnen. Und alle trinken: Sangria aus bauchigen Supermarktflaschen. "Ein Meter Bier 2000 Pesetas" im Café Olé. Wodka-Lemon, Gin mit Eis. Dazu müssen sie ganz viel rauchen. Das wilde Leben eben.

"Vielleicht passiert ja heute noch was." Der Stoßseufzer des Vielgepiercten am späten Mittwochnachmittag drückt die Hoffnung vieler aus. Zwar haben sich mitterweile einige wenige neue Urlaubslieben zusammengefunden, beim Großteil vor allem der Jungs aber weichen die Erwartungen allmählich der bitteren Einsicht: Auch in Lloret sind es die großen Blonden, die nicht aufs Maul gefallen sind, die die zarten Brünetten abbekommen.

Am Donnerstagmorgen ein Wolkenbruch, dann nur noch stetiges Nieseln. Das bekümmert alle, nicht aber die Veranstalter. Pünktlich legen die Boote ab, an Bord zwei Hundertschaften zweifelnder, aber noch halbwegs spaßentschlossener Kids, viele nur in Badekleidung.

Als die Schiffe in der Bucht anlegen, gießt es in Strömen. Die zuerst ankommen, stapeln Gummimatten zu einer Art Hütte übereinander. Alle anderen rücken unter schnell aufgespannten Sonnenschirmen zusammen. Es gibt Hamburger ohne Ende, aber mehr als einen will kaum jemand. Es gibt Bier, das metallisch schmeckt. Und es gibt Sangria, die eher an Himbeersaft erinnert. Nutzlos liegen die großen Gummi-Bananas und die Boote am Ufer, sinnlos stehen die Kids unter den blaugelben Schirmen, die allmählich lecken. Die Animateure haben sich nach ersten halbherzigen Funfunfun-Versuchen in ihre Hütte zurückgezogen, Musik dröhnt, Mambo Nr. 5 , die fünf aus Othmarschen grölen lauthals dazwischen: "Die Sonne scheint bei Tag und Nacht. Eviva España." Dann wieder Ratlosigkeit.

Es ist zwölf Uhr. Die Schiffe kommen erst um fünf. Blitze zucken, Wasser rauscht, die beiden Klos laufen über, am Steilufer bröckelt langsam die Böschung ab. Tausche jede Menge wildes Leben gegen ein trockenes Fleckchen! Inzwischen ahnen alle, die halb nackt vor sich hin frösteln, dass dies der längste Nachmittag ihres Lebens wird. Die Witze werden so dünn wie die Sangria, die Blicke so trüb wie das Bier.

Um zwei Uhr kommt ein Boot. Die Hälfte der Kids bleibt trotzdem, wild entschlossen, für 66 Mark so viel Sangria in sich hineinzukippen, wie dort nur irgendwie Platz findet. Später im Bus erkennt man sie an ihrem rasselnden Husten.

Am Samstagabend sind die Helden todmüde und gezeichnet vom wilden Leben. Blass, mit Ringen unter den Augen und fahrigen Fingern sitzen sie auf dem Gehsteig auf ihren gepackten Koffern. Summen Mambo Nr. 5 . Und müssen noch mehr rauchen als sonst.

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Über Lloret sind sie sich einig: Geil! An Rainbow scheiden sich die Meinungen. Für die, die unter übervollen Zimmern, aufdringlichen Betreuern und geplatzten Absprachen zu leiden hatten, steht fest: Rainbow - kannst du knicken! Die andern sehen es cool: So wenig Geld - was kannst du da mehr erwarten? Jetzt wollen sie nur noch nach Hause, sich vom Urlaub erholen. Die Nachfolger sind schon da. So viele neue Blonde. Mit klobigen schwarzen Schuhen.

InformationVeranstalter: Die beschriebene Reise von Rainbow Tours (A. S. Reiseveranstaltungs GmbH, Gänsemarkt 45, 20345 Hamburg, Tel. 040/32 09 33 09 Fax 32 09 30 99, Internet: www.rainbowtours.de) dauert zehn Tage und kostet je nach Termin und Hotel von 199 bis 749 Mark. Der Preis enthält Hin- und Rückreise im Bus, Unterkunft in Mehrbettzimmern, Frühstück im Standard-, Halbpension im Touristen-, Vollpension im Komforthotel, Betreuung vor Ort. Ausflüge und besondere Freizeitangebote kosten extra. Start ist jeden Freitag von verschiedenen Städten in Deutschland aus

Unterhaltung: Neben seinen Discos und dem Vergnügungsviertel hat Lloret eine Stierkampfarena, eine Water World mit Rafting River und Wasserrutschen sowie Glasbodenboote, die von der Mole aus zu den nahen Buchten fahren. Auch Wasserfallschirmspringen ist möglich. Während der Saison finden Trachtenabende statt, aber auch klassische Konzerte. Vom 24. bis 26. Juli gibt es die große Fiesta mit Bootsprozession, traditionellen Gerichten und Feuerwerk

Ausflüge: In der Stadt werden Ausflugsfahrten nach Andorra (zirka 5400 Peseten, etwa 64 Mark) angeboten, nach Barcelona und Montserrat (4100 Peseten) und Port Aventura (5900 Peseten) sowie Fahrten zu Flamencoabenden (von 3500 Peseten an) und zu Ritterspielen (5400 Peseten)

Restaurants: Gute spanische Küche servieren Ca L'Angel, Joan Baptista Lambert 32 - 35, Tel. 972 37 20 23, La Mezquita, Calle Olivo 29, Tel. 972 37 08 74

Auskunft: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt am Main, Tel. 069/72 50 33, Fax 72 53 13

Für Kinder: sind sicher Orte denkbar, die spannender, erholsamer und ruhiger sind

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