Berlin

Angeregt haben sie miteinander geplauscht, über damals und heute und Gott und die Welt. Das Abendessen machte den Gästen in der Dahlemer Villa des Kanzlers, Hans Koschnick, Georg Kronawitter, Volker Hauff und Heinz Ruhnau, sichtlich Spaß. Der Gastgeber hörte entspannt zu, der Abend verging wie im Flug. Schreibt mir, wenn ihr was zu raten oder zu kritisieren habt, bat er zum Abschied. Um ihnen noch nachzurufen: "Und redet gut über mich!"

Bill Clinton bleibt eine Referenzgröße. Aber schon der Mythos Tony Blairs, der zum Maßstab für eine neue sozialdemokratische Generation in Europa avancierte, verblasst. Ein Schröder/Blair-Papier, um vom Ruhm und Ruf des Briten etwas zu erhaschen, würde es nicht mehr geben. Jetzt sucht "Tony" im Blick auf die nächsten Wahlen, welche "große Geschichte" er zu erzählen habe. "Und das erweist sich als schwerer als erwartet", bilanziert der Economist.

Maßstab Kohl? In einem zweiten Akt wird öffentlich die Schattenseite der Kanzlerschaft noch einmal dramatisch erhellt. Die Geschichte des "Systems Kohl" mit seinen demokratischen Defiziten, dem Verfall der Institutionen, dem Verschmelzen von politischer und persönlicher Macht wiederholt sich - im Moment als Farce. Angela Merkel war gut beraten, Kohl noch einmal daran zu erinnern, dass seine Aktivjahre vorbei sind.

Von solchen Bildern und Vorbildern löst Kohls Nachfolger sich. Aber gibt es nach dem System Kohl schon ein System Schröder? In erster Linie - und nicht nur in Sachen Rente - geht es ihm derzeit darum, Konsense zu organisieren. Das Ziel verbirgt er nicht: Seine Partei soll in der Mitte Platz nehmen und sich dort machtvoll ausbreiten, dann sei sie unschlagbar.

Mit dem Bündnis für Arbeit hat das alles begonnen. Der Korporatismus Helmut Schmidts wurde damit, leicht variiert, neu aufgelegt. Links die Gewerkschaftsbosse, rechts die Präsidenten der Industrieverbände, in der Mitte der Kanzler mit seufzendem Respekt vor den demokratischen Gremien von Partei und Fraktion, bei strikter Anerkennung von Regeln und Institutionen. Ähnlich wollte Schröder es halten, um als Kanzler der Modernisierung die "Selbstblockaden" der alten Republik aufzulösen.

Am Runden Tisch des Bündnisses sollte es also weniger um Lohnabschlüsse, sondern um den gewachsenen Sozialstaat und die Zukunft der Arbeitsgesellschaft überhaupt gehen. Die Idee, den Konsens anderswo zu suchen als bisher, war zwar richtig. Aber das "Bündnis", im institutionellen Sinne eine Revolution, ist letztlich nie konsequent zu Ende gedacht worden. Die Ministerien legten sich wieder quer, das Parlament maulte über die Fremdlinge, die Ergebnisse blieben recht mager.