* Fußnote

Gegenüber meiner Wohnung auf dem Prenzlauer Berg lebt ein schmächti- ger Mann, der scheinbar ausschließlich Dreistreifensportanzüge trägt. Im Sommer dröhnen bei geöffnetem Fenster deutsche Schlager herüber, bei denen man weder lesen noch schreiben kann. Der Musiklärm erinnert mich an früher, an die bierseligen Schützenfeste in der Lüneburger Heide. Meine Wut ist hilflos. Entnervt brülle ich gelegentlich von Balkon zu Balkon. Ich bin vorsichtiger geworden, seit ich dem Typ abends auf der Straße begegnete, mit einem vierbeinigen Kraftpaket neben sich. So furchteinflößend war das Tier, dass ich nur noch auf die Macht dieser ledernen Verbindung hoffte, die von alters her das Verhältnis von Herr und Knecht garantieren soll. In meiner Angst sah ich schon den Pitbull auf mich zustürmen, das Herrchen mit sich reißend. Einige Zeit später beobachtete ich, wie das Tandem in einen schwarzen Opel Manta stieg. Auf dessen Heckscheibe stand in der bei den Nazis beliebten Frakturschrift: "Pitbull Germany". Damit waren alle Vorurteile aufgerufen. Ende des Verstehens. Auch als ziviler Bürger möchte man nach Polizei, Gesetzen, Bestrafung, Recht und Ordnung rufen.

Schon seit langem lösen die gekrümmten Rücken von Hunden, die mit zitternder Anstrengung ihr Geschäft verrichten, während ihre Besitzer sie in versunkener Teilhabe anschauen, ästhetische Abwehrreflexe in mir aus. Wenn etwas Ekel auslöst, dann dieses anale Ensemble aus Menschenblick und Hundedrück. Den Rest meiner Hundeliebe zermürbten Begegnungen in Parks, durch die ich zu joggen pflege. Regelmäßig musste ich mir, während irgend so ein Vieh mich bellend oder fletschend ansprang, aus dem Lauf zur Salzsäule erstarrt, das Stereotyp anhören: "Der ist ganz harmlos. Meiner tut nichts."

Vermutlich beeinträchtigen all diese Erfahrungen mein Urteilsvermögen. Andererseits: Wenn so genannte Kampfhunde, von denen es 10 000 in Deutschland geben soll, Menschen auf offener Straße zerreißen, ist die Grenze des subjektiven Empfindens absolut überschritten und der gesetzliche wie administrative Notstand da. Damit, das Verhältnis der Bundesbürger zu ihren Hunden zu regeln, mögen sich die endlich aufgescheuchten Innenminister abmühen. Zwischen der Scylla einer urdeutschen Hundelobby, die im Fundamentalismus der Standesvertretung gleich nach dem ADAC rangiert, und der Charybdis der Tragödienschauder verbreitenden Medien wünscht man den Politikern eine ruhige Hand. Doch mit welcher neuen Ordnung auch immer sie den gesetzlichen Nachholbedarf aufholen mögen - die Ursachen, welche zu den verletzten und toten Opfern von Hundeattacken geführt haben, können sie mit Verrechtlichung nicht beseitigen. Ja, diese Ursachen werden nicht einmal bewusst. Denn das Problem sind nicht die Hunde, sondern die Menschen, ihre Kultur und ihre Geschichte.

Verwandlung zu hörigen Partnern des Menschen

Vermutlich begann der Prozess der Verhäuslichung des Hundes vor 15 000 Jahren. So unvorstellbar es scheint, wenn man eine Dogge neben einem Zwergpinscher sieht: tatsächlich stammen alle Hunderassen vom Wolf ab. Kurzum: Hunde sind Kunstprodukte. Sie konnten domestiziert, ja vom Menschen abhängig werden, weil Wölfe Gemeinschaftstiere mit ausgeprägtem Sozial- und Schutzverhalten sind und auch in ihrer Jagdaggression kooperativ agieren. Ihre innerartlichen Kämpfe sind durch genetisch verankerte Rituale begrenzt und dienen einzig der "Aushandlung" von Hierarchien. Aus dem Genpool der Wölfe war durch Züchtung eine Abzweigung möglich, welche den Konkurrenten um Beute in einen hörigen Partner des Menschen verwandelte. Keine Hirtenkultur, erst recht keine sesshafte Agrarwirtschaft und auch keine Jagd ohne die zivilisierten Vierbeiner. Der Hütehund, dem wir im Urlaub auf der griechischen Insel begegnen, der Hofhund von der Toskana bis zum Münsterland-Kotten, der ausdauernde Experte der Parforcejagd: sie alle sind Ergebnisse von vielen Jahrtausenden Züchtung, die auf die Ausprägung von Hütefähigkeiten aus war oder ebenso zielstrebig auf die Steigerung gezielter Aggression im Dienst des Menschen.

Nichts, was Hunde unternehmen, kann also von der Kultur auf die "böse Natur" im Tier abgewälzt werden. Hunde sind Kulturwesen - und ihr Verhalten ist ein Spiegel menschlicher Eigenschaften. Schon im Lateinischen ist canis die Bezeichnung für einen bissigen, barschen, aggressiven Menschen. Doch dabei werden eben nicht Eigenschaften des bösen Hundes metaphorisch auf Menschen übertragen, sondern umgekehrt wurde der Hund zum Träger "böser" menschlicher Eigenschaften modelliert - bis herab auf die Ebene seiner Gene. Statt sich also auch in unserer Sprache zu erlauben, einen Menschen als Hund zu beschimpfen, sollte man, der Wahrheit zuliebe, eher den wütigen Hund einen Menschen nennen. Ecce Homo.